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Geleite

die nicht in Broschüren zusammengefaßt wurden


Zum Geleit CXXIV

Zur AS-Sitzung am 21. September 2017

Ruhe?

Schön, schön strahlt alles uns nun an –
liegt gar nichts mehr im Argen?
Der Lindner grinst so gut er kann –
soll’n Alle sich verzargen?

Schlecht, schlecht brodelt der Heimatsumpf –
weiß sei die deutsche Farbe.
Die Vorderzähne sind nicht stumpf –
der Hals trägt zwiefach Narbe.

Es tanzet in der Republik
gar mancher um die Mitte.
Dazu gehört nicht viel Geschick,
nur ein paar drehend Schritte.

Gleichwohl hat jeder, der Kritik,
ein hohes Maß Bedeutung.
Er oder Sie mit viel Geschick
wirkt für soziale Läut’rung.

Gerechtigkeit und Frieden gar
sind die gemeinsam’ Sache.
Der Krieger wirkt recht sonderbar,
auf daß Mensch drüber lache.

Solch’ Unruh’ hat auch viel Verstand,
sie macht uns öfter heiter.
Der Schiffskoch sieht jetzt wieder Land
und kocht mit Freude weiter.

Die Wissenschaft ist Teil davon,
sie ist lebendig’ Erbe.
Wenn Einer meint: Genug davon!,
haut sie in diese Kerbe.

Das Fazit dieser kleinen Schau
sei alleweil zugegen:
Am meisten scheint doch gut und schlau,
wenn wir uns immer regen.
(Olaf Walther, 19.09.2017)



Zum Geleit CXXIII

Zur AS-Sitzung am 15. Juni 2017

Neuer Standpunkt

„Die Katholiken bedenken nicht, daß der Glauben der Menschen sich auch ändert, wie überhaupt die Zeiten und Kenntnisse der Menschen. Hier zunehmen und dort stille stehn ist den Menschen unmöglich. Selbst die Wahrheit bedarf zu anderen Zeiten wieder einer andern Einkleidung, um gefällig zu sein.“ (223)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft C, 1772-1773.

„Versuchen wir die religiösen Lehrsätze mit demselben Maß [Anschauung und Beweis] zu messen. Wenn wir die Frage aufwerfen, worauf sich ihr Anspruch gründet, geglaubt zu werden, erhalten wir drei Antworten, die merkwürdig schlecht zusammenstimmen.
Erstens, sie verdienen Glauben, weil schon unsere Urväter sie geglaubt haben, zweitens besitzen wir Beweise, die uns aus eben dieser Vorzeit überliefert sind, und drittens ist es überhaupt verboten, die Frage nach dieser Beglaubigung aufzuwerfen. Dies Unterfangen wurde früher mit den allerhärtesten Strafen belegt und noch heute sieht es die Gesellschaft ungern, daß jemand es erneuert.“

Sigmund Freud, „Die Zukunft einer Illusion“, Kapitel V, 1927.

Neugebote?

Die Geschichte ist zu Ende,
Da ist kein besonderer Sinn.
Da gibt es keinerlei Wende,
Wir sind gefangen mittendrin.
Ordnung ist das ganze Leben,
Wo geheime Kräfte weben.
Dumm-Sprüche für Mutter und Kind,
Damit alle hübsch artig sind.
Morgen ist heut´ seit gestern schon,
Vergessen sei die Rebellion.
Bei derart massivem Glauben
Viele Menschen langsam grollen,
Weil sauer sind stets die Trauben,
Die sie nicht mehr essen wollen.
Es naht der Tag der Wende nun,
Am Anfang steht fester Wille,
Wir wollen uns zusammentun:
Ganz fort mit der rosa Brille!
Olaf Walther, 15.06.2017.



Zum Geleit CXXII

Zur AS-Sitzung am 11. Mai 2017

Orientierte Freiheit

Notabene

„Erfolg“ hat vielfach jeder dann,
Wenn er dafür vergessen kann,
Im Eifer also schnell vergißt,
Was wirklich rundum nützlich ist,
Was Sehnsucht ist und Frieden schafft,
Wo täglich eine Wunde klafft,
Was nährt und schafft der Seele Ruh’,
Womit der Mensch gedeit im Nu,
Was Heilung bringt und frohes Licht,
Wo Not auf Wendung ist erpicht,
Was Arbeit schafft mit einem Sinn,
Wo Ärger schwindet eilig hin,
Was Bildung baut in schöner Art,
Womit begonnen jeder Start.
Wer aber recht erinnern kann,
Fängt Gutes immer wieder an.
(Olaf Walther)



Zum Geleit CXXI

Zur AS-Sitzung am 6. April 2017

Immer wieder!
(Die Möglichkeit als Verantwortung)

1) Hinnehmen?

„5
Die Unternehmer dort: nur jeden dritten
Können sie brauchen und verwerten sie.
Ich sagte den Nichtunternommenen: Die müßt ihr bitten
Ich selbst versteh nichts von Ökonomie.“

Bertolt Brecht, „Ballade von der Billigung der Welt“, 1934.

Wenn sich eingeschlichen hat, nach und nach zunehmend, das Gefühl für Ungerechtigkeit und Unerträglichkeit, dann steht der Wandel vor der Tür. Wir sollten ihn einlassen und begrüßen.
Er ist ein freundlicher Zeitgenosse.

2) Grenzüberschreitung

„Tempelherr:
Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen
Für den erträglichern zu halten...“

Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise“, 1779.

Sich genügsam zu halten, hat viele Gestalten. Keine davon ist aufrecht. Besser sehen, gehen und heiter sein gelingt mit weiter Haltung. Gemeinsam.

3) Wörtlich handeln

„Was man nicht sagen kann, bleibt unerlöst - ›besprechen‹ hat eine tiefe Bedeutung.“
Kurt Tucholsky, „Mir fehlt ein Wort“, 1929.

Wer Analyse, Kritik, Erkenntnisgewinn, die Bildung mündiger Menschen als „dummes Gelaber“ abtut, steht auf seiten der Kulturfeindschaft. Diese Fratze hat Gelächter verdient.

4) Mit Rhythmus

„Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille [Weckruf] mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.“

Heinrich Heine, „Doktrin“, 1842.

Die Wende braucht Musik – Richtung, Bewegung, Takt, Melodie und Orchester.



Zum Geleit CXX

Zur AS-Sitzung am 2. März 2017

Erkenntnis und Handeln

1) Physiognomie

„Es gibt Gesichter in der Welt, wider die man schlechterdings nicht Du sagen kann.“ (30)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft G, 1779-1783.

Es gibt offenkundige Anzeichen von Brutalität und Gefahren, zu denen sich lediglich Abstand und Widerstand entwickeln läßt.

2) Politik!

„Hat das musikalische Genie nichts mit Humanität und ›verbesserter Gesellschaft‹ zu tun? Arbeitet sie ihr vielleicht entgegen? Aber Beethoven war ein Mann des Glaubens an revolutionäre Menschenliebe, und französische Literaten haben ihm mit Verachtung vorgeworfen, er führe als Musiker die Sprache eines radikalen Ministers...“
Thomas Mann, „Die Entstehung des Doktor Faustus“, 1947.

Was für die Musik gilt, mag ebenso für die Wissenschaften gelten; was für die Wissenschaften gilt, mag ihre Subjekte motivieren.

3) Bestimmung

„Jede Entwicklung, welches ihr Inhalt sei, läßt sich darstellen als eine Reihe von verschiedenen Entwicklungsstufen, die so zusammenhängen, daß die eine die Verneinung der andern bildet.“
Karl Marx, „Die moralisierende Kritik und die Kritik der Moral“, 1847, Marx-Engels-Werke (MEW), Band 4, S. 336.

Wenn Frieden, Aufklärung, Demokratie und die sozialen und kulturellen Menschenrechte negiert werden, ist es höchste Zeit, sie zu verwirklichen.

4) Plaisir

„Warum?
Warum schneidet man sich meist die Nägel, wenn man es sehr eilig hat?
Warum ärgert einen das Schnarchen eines andern, wenn man allein ist – und warum muß man lachen, wenn man es mit mehreren hört?“

Kurt Tucholsky, „Warum eigentlich?...“, 1928.

Neben vielen Ärgernissen, Aufgaben, Zweifeln, Möglichkeiten und Fragen sind die Gelegenheiten des Lachens nicht verschwunden.



Zum Geleit CXIX

Zur AS-Sitzung am 12. Januar 2017

Die Gleichheit in der Vernunft

1) Tatendrang

„Nathan:
Gewiß, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier
Getan, auch hier noch. – Geh! – Begreifst du aber,
Wieviel andächtig schwärmen leichter als
Gut handeln ist? wie gern der schlaffe Mensch
Andächtig schwärmt, um nur – ist er zuzeiten
Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt –,
Um nur gut handeln nicht zu dürfen?“

Gotthold Ephraim Lessing, „Nathan der Weise“, 1779.

Souverän
Der Wille zur Tat
ist dann real geworden,
so er selbst erkannt.

2) Mentale Grenzen

„Tempelherr:
Der Aberglaub, in dem wir aufgewachsen,
Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
Doch seine Macht nicht über uns. – Es sind
Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.“

A.a.O.

Im Werden
Jedes Vorurteil
hat seinerseits Geschichte,
ist ermittelbar.

3) Grenzüberschreitung

„Tempelherr:
(...) Der Blick des Forschers fand
Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte.“

A.a.O.

Assoziiert
Vertraue Deinem
Impetus, welcher vereint
mit anderen wirkt.

4) Sturmfest

„In dieser Reihenfolge liegt eben das
Versöhnende; das Barbarische empört uns nicht
mehr, und das Abgeschmackte verletzt uns nicht
mehr, wenn wir es als Anfänge und notwendige
Übergänge betrachten.“

Heinrich Heine, „Reise von München nach Genua“, 1828.

Geprüft
Die wahre Freude
war und ist und bleibt das Maß
guten Gelingens.



Zum Geleit CXVIII

Zur AS-Sitzung am 17. November 2016

Engagierte Rationalität

„Wir wollen kämpfen mit Haß aus Liebe. Mit Haß gegen jeden Burschen, der sich erkühnt hat, das Blut eigener Landsleute zu trinken, wie man Wein trinkt, um damit auf seine Gesundheit und die seiner Freunde anzustoßen. Mit Haß gegen einen Klüngel, dem übermäßig erraffter Besitz und das Elend der Heimarbeiter gottgewollt erscheint, der von erkauften Professoren beweisen läßt, daß dem so sein muß, und der auf gebeugten Rücken vegetierender Menschen freundliche Idyllen feiert. Wir kämpfen allerdings aus Liebe für die Unterdrückten, die nicht notwendigerweise Proletarier sein müssen, und wir lieben in den Menschen den Gedanken an die Menschheit.“
Kurt Tucholsky, „Wir Negativen“, 1919. (Für die damalige „Weltbühne“.)

1) Ausgangspunkt

Frieden

Ganz frei von Waffen,
das ist der zivile Weg,
der zu gehen ist.

2) Kontrapunkt

Wider die Brutalität

Wer sich jäh auflehnt
wider die Einschränkungen,
hat den Kurs bestimmt.

3) Haltungspunkt

Sicher

Stete Geneigtheit
zur Kooperation ist
keinesfalls schwankend.

4) Höchster Punkt

Lebensfreude

Lachen
verbreitet die Erkenntnis,
daß Entfaltung naht



Zum Geleit CXVII

Zur AS-Sitzung am 13. Oktober 2016

Vitale Gedanken

1) Alternative

„Ängstlich zu sinnen und zu denken, was
man hätte tun können, ist das Übelste, was
man tun kann.“
(253)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft K, 1793-1796.

Beherzt zu sinnen und zu denken, wie sich aus Fehlern lernen läßt (Geschichte), gehört zu dem Produktivsten, was sich tun läßt.

2) Motivierte Expansion

„Wir müssen uns bemühen, klarer zu sehen. Wir müssen unsere Grenzen kennenlernen. Grenzen sind nicht immer bloß ein negatives Element, sie können auch eine Kraft bedeuten.“
Frederico Fellini, „Ein Gleichgewicht zwischen Fühlen und Denken“, 1978.

Man muß Enge nicht mögen. Wer sie abschüttelt, entdeckt neue Wege und erkennt die Nachbarn.

3) Bewegung

„Theater
Ins Licht treten
Die Treffbaren, die Erfreubaren
Die Änderbaren.“

Bertolt Brecht, Gedichte 1953-1956.

Auf der Bühne geht die Handlung voran. Die Figuren haben Entwicklung. Der Applaus gilt – mit Übereinstimmung – dem Verlassen des Elends.

4) Reflektierte Aktion

„Du bekommst einen Brief, der dich maßlos
erbittert? Beantworte ihn sofort. In der
ersten Wut. Und das laß drei Tage liegen.
Und dann schreib deine Antwort noch mal.“

Kurt Tucholsky, "Schnipsel", 1932.

Die Bedrängnis ist alltäglich. Der Ärger verständlich. Er läßt sich orientieren. Der Disput wird produktiv. Veränderungen bekommen Sinn und Gestalt.



Zum Geleit CXVI

Zur AS-Sitzung am 15. September 2016

Zugewandt

„Zuckerbrot und Peitsche
Nun senkt sich auf die Fluren nieder
der süße Kitsch mit Zucker-Ei.
Nun kommen alle, alle wieder:
das Schubert-Lied, die Holz-Schalmei ...
Das Bürgertum erliegt der Wucht:
Flucht, Flucht, Flucht.

Sie wollen sich mit Kunst betäuben,
sie wollen nur noch Märchen sehn;
sie wollen ihre Welt zerstäuben
und neben der Epoche gehn.
Aus Not und militärscher Zucht:
Flucht, Flucht, Flucht.

So dichtet. Dichter: vom Atlantik,
von Rittern und von Liebesnacht!
Her, blaue Blume der Romantik!
»Er löste ihr die Brünne sacht ... «
Das ist Neudeutschlands grüne Frucht:
Flucht, Flucht, Flucht.

Wie ihr euch durch Musik entblößtet!
In eurer Kunst ist keine Faust.
So habt ihr euch noch stets getröstet,
wenn über euch die Peitsche saust.
Ihr wollt zu höhern Harmonien
fliehn, fliehn, fliehn.

Es hilft euch nichts. Geht ihr zu Grunde:
man braucht euch nicht. Kein Platz bleibt leer.
Ihr winselt wie die feigen Hunde –
schiebt ab! Euch gibt es gar nicht mehr!
Wir andern aber wirken weit
in die Zeit!
In die Zeit!
In die Zeit!“

Kurt Tucholsky (‚Theobald Tiger‘), 09.12.1930.
Nota bene, 2016

Die Krise hat ein Freizeitgesicht,
Das zeigt Tucho gereimt und dicht.
Wer aus der Geschichte lernen will,
Hält nicht länger die Füße still –
Soll heißen: Wir gewinnen Haltung
Durch Sinn, Zweck und heit’re Gestaltung.
Die blaue Blume mag stille blüh’n,
Derweil sich Alle um Licht bemüh’n –
Gemeinsam zu neuer Tat bereit:
In der Zeit, in der Zeit, in der Zeit!



Zum Geleit CXV

Zur AS-Sitzung am 7. Juli 2016

Konsequent – Schritt für Schritt

1) Wiederholt

„Wer, ehe er zu handeln, besonders zu schreiben beginnt, vorher untersuchen zu müssen glaubt, ob er nicht vielleicht durch seine Handlungen und Schriften hier einen Schwachgläubigen ärgern, da einen Ungläubigen verhärten, dort einem Bösewichte, der Feigenblätter sucht, dergleichen in die Hände spielen werde, der entsage doch nur gleich dem Handeln, allem Schreiben.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Anti-Goeze“, Vierter, 1778.

Wer niemals beginnt, kommt immer zu spät.

2) Frage

„Die Bank ist der allgemeine Käufer, der Käufer nicht nur dieser oder jener Ware, sondern aller Ware.“
Karl Marx, „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie/Das Kapitel vom Geld“, 1858, Marx-Engels-Werke (MEW), Band 42, S. 88.

Ist das Geistige eine Ware?

3) Ein Literat antwortet

„Wer also in Deutschland der ›Demokratie‹ das Wort redet, meint nicht eigentlich Pöbelei, Korruption und Parteienwirtschaft, wie es populärerweise verstanden wird, sondern er empfiehlt damit der Kulturidee weitgehende zeitgemäße Zugeständnisse an die sozialistische Gesellschaftsidee, welche nämlich längst viel zu siegreich ist, als daß es nicht um den deutschen Kulturgedanken überhaupt geschehen sein müßte, falls er sich konservativ gegen sie verstockte.“
Thomas Mann, „Kultur und Sozialismus“, 1928.

Der Veganismus hat nicht diese Reichweite.

4) Ursprung des Lichts

„Ich kenne keinen blendenden Stil, der seinen Glanz nicht von der Wahrheit mehr oder weniger entlehnet. Wahrheit allein gibt echten Glanz und muß auch bei Spötterei und Posse, wenigstens als Folie, unterliegen.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Anti-Goeze“, Zweiter, 1778.

Das orientierend Überzeugende ist mehr als die bloße Präsentation.



Zum Geleit CXIV

Zur AS-Sitzung am 16. Juni 2016

Sinngebung

1) So oder so

„Seit wann ist dann schlecht und recht und recht schlecht einerlei?“ (25)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft E, 1775-1776.

Entscheidungen gewinnen an Bedeutung – von Allen und überall.

2) Wende

„Der zerkleinerte und künstlich kurzweilig gemachte Tag war ihm buchstäblich unter den Händen zerbröckelt und zunichte geworden, wie er mit heiterer Verwunderung oder allenfalls nachdenklich bemerkte; denn Grauen hiervor war seinen Jahren noch fremd. Ihm war nur, als blicke er ›immer noch‹.“
Thomas Mann, „Der Zauberberg“, 1924, Aufbau Verlag 1987, S. 255.

Man plane, irdisch, über den Tag hinaus und lande nicht im Kriege. Der Frieden muß Alltag werden.

3) Einheit

„Freilich, die geistigen Interessen müssen mit den materiellen Interessen eine Allianz schließen, um zu siegen.“
Heinrich Heine, „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, Erstes Buch, 1834.

Die Wissenschaften haben eine Aufgabe: Die Schaffung einer menschenwürdigen Existenz.

4) Im Disput

„Und erfahrungsgemäß kreischt ja niemand so wie der, dem recht geschieht.“
Kurt Tucholsky, „Standesdünkel und Zeitung“, 1926.

Das Neu-Aufkommen des Rückwärtsgewandten bedarf der Gegnerschaft.
Dafür gibt es eine Mehrheit. Sie sollte sich kennen und wirken lernen.



Zum Geleit CXIII

Zur AS-Sitzung am 26. Mai 2016

Nur Mut!

1) Vermeidung meiden

„Ängstlich zu sinnen und zu denken, was man hätte tun können, ist das Übelste, was man tun kann.“ (253)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft K, 1793-1796.

Zweifel über das Wohlbestellt-Sein der Gegenwart, die ja stets ihre Geschichte hat – auch des eigenen Handelns –, sind nicht falsch, sollten aber zu Richtigem führen.

2) Verneinung des Falschen

„Aus Heinrich Mann spricht aber nicht nur die Weimarer Republik. Kultur entsteht, wird produziert in seinen Aufsätzen, indem er den Faschismus angreift.“
Bertolt Brecht, Notizen zu Heinrich Manns ›Mut‹, 1939.

Erst aus der Entscheidung zur Gegnerschaft wider das Menschenunwürdige entsteht die wirksame Einheit von Geist und Tat, d.h. die Aktivierung der so Verbündeten.

3) Kategoriale Einheit

„Frei sein heißt, gerecht und wahr zu sein; heißt es bis zu dem Grade sein, daß man Ungleichheit nicht mehr erträgt. Ja, Freiheit ist Gleichheit.“
Heinrich Mann, „Voltaire – Goethe“, 1910.

Wie? Wer wagt es hier, Freiheit und Gleichheit, einander bedingend, in eins zu setzen?
Heinrich Mann.

4) Gegen alle Usancen?

„Nun sind aber die Lebensgewohnheiten im bürgerlichen Haushalt keinem Wechsel der Geschichte unterworfen; ›der bürgerliche Haushalt wird nur deshalb betrieben, damit der archäologische Forscher dort noch heute die Arbeitsmethoden der Steinzeit studieren kann‹ (Sir Galahad). Hier eingreifen stößt auf Mord. Keine Zeitung, die es wagen könnte, in diesen Muff eine wettersichere Grubenlampe hinunterzulassen – das Geschrei von Hausfrauen, klavierübenden und gesangsheulenden Damen beiderlei Geschlechts, von organisierten Tierfreunden und reinemachewahnsinnigen Besessenen dampfte ihnen entgegen. In meiner Wohnung kann ich machen, was ich will – das wäre ja gelacht.“
Kurt Tucholsky, „Traktat über den Hund sowie über Lerm und Geräusch“, 1927.

Lachen? Gegen alle Usancen? Gegen schlechte – ja!



Zum Geleit CXII

Zur AS-Sitzung am 21. Januar 2016

Mitteilungen
oder
Wie Entwicklung Freude machen kann

1) Auf Kassandra hören

„Die Situation scheint sich dem Kriege zu nähern, wird sich voraussichtlich wieder von ihm entfernen, um am Ende doch in ihm unterzugehen. Die kapitalistische Welt wird durch ihr Hätschelkind, den Fascismus, zum Kriege gezwungen werden.“
Thomas Mann, Tagebuch, 29.3.1939.

Schlechte Voraussagen werden nicht gemacht, damit sie eintreffen. Das Negative kann bekämpft werden. Einsichtiges Handeln ist wirksamer Teil der Realität.

2) Sprache, Erkenntnis und Konsequenz

„Man muß die Kategorien ändern, und das wird die Änderung der wirklichen Gesellschaft zur Folge haben.“
Karl Marx, Brief an P.W. Annenkow vom 28. Dezember 1846.

Krieg ist nicht Frieden, soziale Ungleichheit nicht demokratisch, rein betriebswirtschaftliches Denken nicht vernünftig, und die Konkurrenz ist keine Natureigenschaft des Menschen.

3) Der richtige Impuls: Zusammen.

„Der einzelne erwartet, daß der Organismus handelt, auch wenn er nicht tätig wird, und er überlegt nicht, daß gerade deshalb, weil seine Einstellung weit verbreitet ist, der Organismus notwendig untätig ist.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 15 (1933), § 13 „Kulturprobleme Fetischismus.“

Wenn Alle sich besonders richtig begreifen, dann wird der Jammer verschwindend klein. Die offene Aussprache bringt gemeinsame Aufgaben hervor. Der aufgeklärte Sozialbezug erzeugt gesellschaftliche Bewegung, wo bisher im Zweifel verharrt wurde. Die Richtung läßt sich bestimmen.

4) Mit’n Avec

„Wenn die Unternehmer alles Geld im Ausland untergebracht haben, nennt man dieses den Ernst der Lage.“
Kurt Tucholsky, „Kurzer Abriss der Nationalökonomie“, 1931.

Steuervermeidung und -hinterziehung sind an sich nicht lustig. Das Durchschauen straft Lügen als solche und kann auch Tatsachen korrigieren. Lachen ist nicht verboten.



Zum Geleit CXI

Zur AS-Sitzung am 21. Januar 2016

Zuversicht?

1) Position

„Ein andres
Geh! gehorche meinem Winken,
Nutze deine jungen Tage,
Lerne zeitig klüger sein:
Auf des Glückes großer Waage
Steht die Zunge selten ein;
Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein:“

Johann Wolfgang v. Goethe, Gedichte 1786-1788.

Hier drängt sich die Frage auf: Warum nicht „Schmied“ – allezeit?

2) Wandlung

„Die große Welt
Die Waage gleicht der großen Welt:
Das Leichte steigt, das Schwere fällt.“

Gotthold Ephraim Lessing, „Sinngedichte“, 1753-1771.

Was ist, ist geworden; was nicht bleiben soll, kann auch gehen. Ohnmacht übersieht so manches.

3) Aufklärung mit Konsequenz

„Im Jahre der Gnade 1789 begann in Frankreich derselbe Kampf um Gleichheit und Brüderschaft [wie in der deutschen Reformation], aus denselben Gründen, gegen dieselben Gewalthaber, nur daß diese durch die Zeit ihre Kraft verloren und das Volk an Kraft gewonnen und nicht mehr aus dem Evangelium, sondern aus der Philosophie seine Rechtsansprüche geschöpft hatte.“
Heinrich Heine, „Französische Zustände“ (1832), Beilage zu Artikel VI.

Die Philosophie kann eine Bewegerin sein. Aus der Geschichte läßt sich lernen. Bildung für Alle erhält so ihren Sinn.

4) Dialogisch

„Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, daß die meisten Menschen nicht zuhören können? Daß sie nur warten, bis sie dran sind – und daß sie dann, ohne Sinn und Zusammenhang, »ihrs« aufsagen, ganz gleich, was der Vorredner gesagt hat? Selten kommt das zustande, was Bahr* einmal so glücklich »das Kind des Gesprächs« genannt hat, fast nie.“
Kurt Tucholsky, „Die Inseln“, 1929.

Wer das liest, unterscheidet sich selbstverständlich davon. Hand aufs Herz.

* Hermann A. Bahr (1863 – 1934) war ein österreichischer Schriftsteller und Kunstkritiker.



Zum Geleit CX

Zur AS-Sitzung am 17. Dezember 2015

Aufgeschoben?
Eine Widerrede

1) Der Ausgang aus der...

„Eine Epoche nur nach denjenigen ihrer Erscheinungen zu werten, die in Presse, Buch oder Kunstwerk einen Niederschlag gefunden haben, ist töricht; so haben zum Beispiel die wirtschaftlich Unterdrückten fast niemals den Apparat zur Verfügung, der ihrer Bedeutung entspricht.“
Kurt Tucholsky, „Die Zeit“, 1930.

Es gibt sie ja doch – immer mehr –, die Alternative: in manchem, an vielen Orten; sie beginnt im eigenen Unbehagen, hat historische Beispiele, einen Sinn für Seinesgleichen sowie die menschliche Tatsache des aktiven Lernens.

2) Aufschub?

„Der Zeit aber wollen wir nicht nachlaufen, wir wollen in ihr leben.“
Kurt Tucholsky, „Die Zeit“, 1930.

Wir kennen das: Bei bedrängter Getriebenheit läuft das Glück stets hinterher. So war das nicht gemeint. Wenn wir die Richtung ändern, ist das anders. Die Erkenntnisse sind gewachsen. Es fehlt: Das Sprengen von engen Gewohnheiten.

3) Realiter

„– Romantiker glauben immer, wenn sie bewegt seien, bewegten sie auch schon dadurch die Welt. Selbst echte seelische Erschütterung ist noch kein Beweis für die Nützlichkeit und den Wert einer Idee.“
Kurt Tucholsky, „Die deutsche Pest“, 1930.

Der Mensch als Subjekt sei rational, leidenschaftlich, eigenwillig, aufmerksam, sozial interessiert, schimpfend und lachend sowie gesellschaftlich wirksam – ohn’ Unterlaß. So ist die schwärmerische Schwermut ausgetanzt.

4) Nicht ohne Zwerchfell

„ Jeder Mann seine eigene Partei. Übrigens kommt sowas nur bei Dackelvereinen vor. Politische Parteien tun dergleichen fast nie. Womit ich nichts gesagt haben möchte.“
Kurt Tucholsky, „Die Opposition“, 1930.

Sich zu assoziieren ist am besten ungleich der Vereinsmeierei.



Zum Geleit CIX

Zur AS-Sitzung am 15. November 2015

Aufklärung
Eine alte Sache neu

1) Der Skandal

„Der [VW-] Skandal wird immer größer und unübersichtlicher, die Fragen immer zahlreicher. Wie konnte es sein, dass niemand die Tricksereien bei den Tests bemerkte? Nicht das Kraftfahrtbundesamt? Nicht die vom Amt beauftragten Prüfer, hier insbesondere der Tüv Nord? (…) Es geht darum, herauszufinden, ob VW ein Einzelfall ist.“
Lisa Nienhaus, „Das System Volkswagen“, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ („FAS“), 8.11.´15, S. 23.

„An einen Lügner
Du magst so oft, so fein, als dir nur möglich, lügen, Mich sollst du dennoch nicht betriegen. Ein einzigmal nur hast du mich betrogen, Das kam daher, du hattest nicht gelogen.“

Gotthold Ephraim Lessing, Sinngedichte, 1753-1771.

2) Mit Verstand

„Trux an den Sabin
Ich hasse dich, Sabin; doch weiß ich nicht weswegen:
Genug, ich hasse dich. Am Grund ist nichts gelegen.
Antwort des Sabin
Haß mich, soviel du willst! doch wüßt ich gern, weswegen;
Denn nicht an deinem Haß, am Grund ist mir gelegen.“

Lessing, ebenda.

Nicht nur alle Beteiligten wissen, daß die Steigerung des ökonomischen Gewinns vor Mensch und Umwelt steht. Das ist zu ändern.

3) Änderung

„In ein Stammbuch
Wer Freunde sucht, ist sie zu finden wert;
Wer keinen hat, hat keinen noch begehrt.“

Lessing, ebenda.

Erkenntnisse fordern Konsequenzen, Wirkungen verlangen Handlungen – Taten folgen Worten: Solidarität.

4) Haltung

„Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen, heißt Exempel.“
Lessing, „Abhandlungen über die Fabel“, 1759.

Ein Beispiel zeigt uns, daß wir überall erkennen, handeln und verändern können.



Zum Geleit CVIII

Zur AS-Sitzung am 22. Oktober 2015

Aufgeben?

„Ein Kommentar

Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: »Von mir willst du den Weg erfahren?» »Ja«, sagte ich, »da ich ihn selbst nicht finden kann.« «Gibs auf, gibs auf«, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“
Franz Kafka, 1922.

Erkennen
Wer sich so sieht, in fremder Stadt, getrieben –
Im Schritt geeilt, der Weg ist ungewiß –,
Der möchte nicht, die Kirchturmuhr schlägt sieben,
Daß dann die Obrigkeit mit Lachgebiß
Den Suchenden durch Häme pur degradiert,
Skurril den hilfreich Hinweis verweigert,
Sich in der Verachtung am wenigsten ziert,
Sie sogar am Ende weidlich steigert.
So sehen wir, geh´n streng damit zu Gericht,
Sagen klar mit Bestimmtheit nun: So nicht!



Zum Geleit CVII

Zur AS-Sitzung am 3. September 2015

Der Sachzwang, ein schlechter Begleiter

1) Den Widerspruch wissen

„Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht.“
Franz Kafka, „Der Prozeß“, vollendet 1914/15, erschienen 1925.

Wir halten inne: Die unbeugsame Vitalität bezwingt das scheinbar Unausweichliche?
Man kennt das: Es war nicht immer so. Das läßt hoffen.

2) Die Ablehnung des Gegenteils

„Maske des Bösen
An meiner Wand hängt ein japanisches Holzwerk
Maske eines bösen Dämons, bemalt mit Goldlack.
Mitfühlend sehe ich
Die geschwollenen Stirnadern, andeutend
Wie anstrengend es ist, böse zu sein.“

Bertolt Brecht, Gedichte 1939-1949.

Ein Bildnis an der Wand: Neid, Mißgunst, Rachelust, Unterwerfungsenergie,
Un-Souveränität – kurz vor dem Ausbruch – erheischen – nicht ohne eine Spur von Ironie – Mitleid wegen der negativen und nutzlosen Anstrengung. Anders-Sein liegt nahe.

3) Das Ringen

„War ich ein Kämpfer? Ich gestaltete, was ich sah, und suchte mein Wissen überzeugend, wenn es hoch kam, auch anwendbar zu machen.“
Heinrich Mann, „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (Autobiographie), 1944.

Freiheit, Gleichheit und Solidarität: Erbe, Tatsache, Prozeß und Ergebnis. Nachlesbar und aktuell.

4) Das vermaledeite Subjekt

„Man soll nichts tun, was einem nicht gemäß ist.“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1932.

Schon wieder Tucholsky? Er hat recht.



Zum Geleit CVI

Zur AS-Sitzung am 9. Juli 2015

Fortsetzung
(Wider den Stillstand)

1) Weltspiegel

„Niemand wird leugnen, daß in einer Welt, in welcher sich alles durch Ursache und Wirkung verwandt ist, und wo nichts durch Wunderwerke geschieht, jeder ein Spiegel des Ganzen ist.“
Georg Christoph Lichtenberg, „Über Physiognomik“, 1778.

Wer sich nicht im Labyrinth des Selbst verliert, sich hingegen im Wechsel zur Welt begreift, kann Einsichten, Aussichten sowie Gestaltungspotentiale entdecken.

2) Kooperation

„Kein gerechterer Beurteiler fremden Verdienstes als der philosophische Kopf. (…) – zwischen denkenden Köpfen gilt eine innige Gemeinschaft aller Güter des Geistes; was einer im Reiche der Wahrheit erwirbt, hat er allen erworben.“
Friedrich Schiller, „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, 1789.

Spezielle Erkenntnis muß allgemein werden. Anregungen gehen hinaus und erweitern die Ansprüche. Geheimnisse verbittern. Geschichte ist lehrreich.

3) Engagement

„Nein, nein, nein. Es setzt sich nur so viel Wahrheit durch als wir durchsetzten; der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein.“
Bertolt Brecht, „Leben des Galilei“, 1939.

Was ist – auch und nicht zuletzt für die Wissenschaft – ein optimales Gemeinwesen?
Frieden und Brot, Vernunft und Musik.

4) Haltung
„Der Republikanismus eines Volkes besteht dem Wesen nach darin: daß der Republikaner an keine Autorität glaubt, daß er nur die Gesetzte hochachtet, daß er von den Vertretern derselben beständig Rechenschaft verlangt, sie mit Mißtrauen beobachtet, sie kontrolliert, daß er also nie den Personen anhängt und diese vielmehr, je höher sie aus dem Volke hervorragen, desto emsiger mit Widerspruch, Argwohn, Spott und Verfolgung niederzuhalten sucht.“
Heinrich Heine, „Französische Zustände“, Artikel IX, 1832.

Zudem: Es gibt außer Parlament und Regierung viele gesellschaftliche Betätigungsfelder, die in Richtung 3) weisen.



Zum Geleit CV

Zur AS-Sitzung am 18. Juni 2015

Zur Möglichkeit drängen

„Ein deutsches Volkslied

»Das Volk ist doof, aber gerissen.«
In deutschen Landen ist augenblicklich ein Lied im Schwange, das den vollendetsten Ausdruck der Volksseele enthält, den man sich denken kann – ja, mehr: das so recht zeigt, in welcher Zeit wir leben, wie diese Zeit beschaffen ist, und wie wir uns zu ihr zu stellen haben. Während der leichtfertige Welsche sein Liedchen vor sich hinträllert, steht es uns an, mit sorgsamer, deutscher Gründlichkeit dieses neue Volkslied zu untersuchen und ihm textkritisch beizukommen. Die Worte, die wir philologisch zu durchleuchten haben, lauten:

Wir versaufen unser Oma sein klein Häuschen –
sein klein Häuschen – sein klein Häuschen –
und die erste und die zweite Hypothek!

Bevor wir uns an die Untersuchung machen, sei zunächst gesagt, dass das kindliche Wort ›Oma‹ so viel bedeutet wie ›Omama‹, und dieses wieder heißt ›Großmutter‹. Das Lied will also besagen: »Wir, die Sänger, sind fest entschlossen, das Hab und Gut unsrer verehrten Großmutter, insbesondere ihre Immobilien, zu Gelde zu machen und die so gewonnene Summe in spirituösen Getränken anzulegen.« Wie dies –? Das kleine Lied enthält klipp und klar die augenblickliche volkswirtschaftliche Lage: Wir leben von der Substanz. So, wie der Rentner nicht mehr von seinen Zinsen existieren kann, sondern gezwungen ist, sein Kapital anzugreifen – so auch hier. Man beachte, mit welcher Feinheit die beiden Generationen einander gegenübergestellt sind: die alte Generation der Großmutter, die noch ein Häuschen hat, erworben von den emsig verdienten Spargroschen – und die zweite und dritte Generation, die das Familienvermögen keck angreifen und den sauern Schweiß der Voreltern durch die Gurgel jagen! Mit welch minutiöser Sorgfalt ist die kleine Idylle ausgetuscht; diese eine Andeutung genügt – und wir sehen das behaglich klein-bürgerliche Leben der Großmama vor uns: freundlich sitzt die gute alte Frau im Abendsonnenschein auf ihrem Bänkchen vor ihrem Häuschen und gedenkt all ihrer jungen Enkelkinder, die froh ihre Knie umspielen ...
Das ist lange her, Großmutter sank ins Grab, und die grölende Korona der Enkel lohnt es ihr mit diesem Gesang: »Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen ... « Ist dies ein Volkslied –? Es ist seine reinste Form. Man darf freilich nicht an früher denken. Früher sang wohl der Wanderbursch sein fröhlich Liedchen von den grünen Linden und den blauäugigen Mägdelein – weil das sein Herz bewegte. Nun, auch dieses Lied singt von dem, was unser Herz bewegt: von den Hypotheken. Hatte früher Walther von der Vogelweide sein »Tandaradei« durch die Lüfte tönen lassen und den Handel den Pfeffersäcken überlassen, so ist es heute an den Kaufleuten, »Tandaradei!« zu blasen, und die Liederdichter befassen sich mit den Hypotheken. Wenn auch freilich in naiver Weise.
Denn es ist dem Liedersänger entgangen, dass die Hypothek selbst ja eine Schuld ist, die man unmöglich vertrinken kann – meint er doch wahrscheinlich die für die eingetragene Hypothek als Darlehn gegebene Summe, die der Schuldner in leichtfertiger Weise verbraucht. So singt das Volk. Hier spricht die Seele deines Volkes. Hier ist es ganz. Es soll uns nicht wunder nehmen, wenn nächstens in einem schlichten Volkslied das Wort ›Teuerungszulage‹ oder ›Weihnachtsgratifikation‹ vorkommt – denn dies allein ist heute echte, unverlogene Lyrik. Dichter umspannen die Welt in brüderlicher Liebe, Poeten sehen Gott in jedem Grashälmchen – das ehrliche Volk aber gibt seinen Gefühlen unverhohlen Ausdruck. Noch lebt es von den Gütern der Alten. Langsam trägt es Sommerüberzieher, Sofas, Überzeugungen und Religionen auf – neue schafft es zur Zeit nicht an. Was dann geschieht, wenn die alle dahin sind, darüber sagt das Lied nichts.
Vorläufig sind sie noch da – und so lange sie noch da sind, lebt das Volk von der Substanz.

Und versauft der Oma sein klein Häuschen.“

Peter Panter
Die Weltbühne, 14.12.1922, Nr. 50, S. 623.

Neue Substanz

Wenn Tucholsky in den Gassen
Lieder hört und kann nicht lassen,
Seinen Ohren wohl zu trauen,
Auch genauer hinzuschauen,
Kann entdecken er im Sange,
Was sozial bereits im Schwange,
Heißt, was bisher war erworben,
Trinkt hinunter, wenn verstorben
Oma, die verbliebene Schar,
Ohne Skrupel scheint es gar.

Wenn aber Zweifel sich nun mehrt,
Daß diese Lage ist verkehrt,
Jetzt Gründe man erkennen kann,
Gut weiß und handelt, immer dann,
Läßt sich drehen an den Dingen,
Für Verbesserungen ringen,
Feiern die Gemeinsamkeiten,
Für Entfaltung munter streiten,
Für eine bess´re Sozietät -
Zu diesem Zweck ist´s nie zu spät.

So weiß Tucholsky uns zu sagen,
Was wir auch heute sollten wagen.



Zum Geleit CIV

Zur AS-Sitzung am 21. Mai 2015

Eine Welt, eine Aufgabe

Ein Hinweis

1) Aussicht durch Geduld

1) Der Mensch ist global

„Die alten Germanen waren vermutlich nicht besser und nicht schlechter als andere Menschen auch. Leider wissen wir herzlich wenig von ihnen. Weniger als von Griechen, Ägyptern und Chinesen. (…) Jede Kultur birgt expansive Kraft in sich, dringt über die Grenzen des Stammes hinaus und vermischt sich mit anderen an und für sich fremden Elementen zu einer neuen Einheit.“
Carl von Ossietzky, „Die Teutomanie“, 1922.

Das Bewußtsein früher Hochkulturen lenke den Respekt auf die Gegenwart. Wer erfand die Nudel?

2) Frieden durch Kritik

„Von der Dankbarkeit, die wir unseren lieben, hochverehrten, heldenhaften, gesegneten und zum Glück stummen Gefallenen schulden, von diesem Hokuspokus bis zum nächsten Krieg ist nur ein Schritt. Was hier gemacht wird, ist Reklame.“
Kurt Tucholsky, „Über wirkungsvollen Pazifismus“, 1927.

Die Bundeswehr in den Schulen schafft Unsicherheit. Es gibt keinen Frieden mit Waffen, Waffengeschäften und dem Glauben an Gewalt.

3) Hilfreiche Dialektik

„Ohne Völkerfrieden ist, ebensowenig als ohne den Willen der Mehrheit, soziale Gerechtigkeit denkbar.“
Heinrich Mann, „Kaiserreich und Republik“, 1919.

Wer Innen und Außen als Einheit begreift, sich als Mehrheit erkennt und Geist und Tat in Einklang bringt, kann sehr wirksam sein.

4) Die sogenannte Zufriedenheit

„Vertrauet eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.“

Heinrich Heine, „Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen“, 1853.

Widerspruch?



Zum Geleit CIII

Zur AS-Sitzung am 16. April 2015

Wesentlich

Ein philosophischer Hinweis

1) Aussicht durch Geduld

„In dieser Reihenfolge liegt eben das Versöhnende; das Barbarische empört uns nicht mehr, und das Abgeschmackte verletzt uns nicht mehr, wenn wir es als Anfänge und notwendige Übergänge betrachten.“
Heinrich Heine, „Reise von München nach Genua“, 1828.

Vieles lächelt und ist dabei häßlich. Wenn wir uns nicht beirren lassen, lächeln wir.

2) Rational in die Hand nehmen

„Deren Stellung gering erscheint
Wenn man sie ansieht
Das sind
Die Mächtigen von morgen
Die deiner bedürfen, die
_Sollen die Macht haben.“

Bertolt Brecht, „Über die Bauart langdauernder Werke“, 1929.

Solide ist, was im Konkreten einen allgemeinen Sinn erfüllt. Auf diesen Sinn ist zu pochen. Wachsamkeit ist angemessen. Die einige Menge ist des Tigers Flucht.

3) Genauigkeit

„Ein Werk der Kunst trägt man immer als Ganzes, und möge die ästhetische Philosophie auch wollen, daß das Werk des Wortes und der Musik, zum Unterschied von dem der bildenden Kunst, auf die Zeit und ihr Nacheinander angewiesen ist, so strebt auch jenes danach, in jedem Augenblick ganz da zu sein. Im Anfang leben Mitte und Ende, das Vergangene durchtränkt das Gegenwärtige, und auch in die äußerste Konzentration auf dieses spielt die Vorsorge fürs Zukünftige hinein.“
Thomas Mann, „Die Entstehung des Doktor Faustus“, 1949.

So genommen, kommt es auf jeden Ton und jedes Wort an. Der Zusammenhang und die Perspektive sind entscheidend. In jedem Werk – im Solo und im Ensemble.

4) Wenn...

„›Wenn ich so viel Geld hätte‹, sagte Joachim Ringelnatz, › und so viel Macht, daß ich alles auf der Welt ändern könnte, dann ließe ich alles so, wie es ist.‹“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1931.

Wenn wir die Einsichten von Tucholsky und Ringelnatz aufnehmen, können wir die Welt ändern.



Zum Geleit CII

Zur AS-Sitzung am 15. Januar 2015

Gespräch mit Kafka

„FRANZ KAFKA: AUF DER GALERIE (Nov. 16/Febr. 1917; ersch. 1920)

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind - vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, riefe das - Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.
Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.“

In der Manege

Hast, guter Freund, sehr klar erkannt,
Daß der Betrachter nicht gerannt,
Um all dem scheinbar bunten Treiben -
Einhalt gebietend, kann nicht bleiben -,
Ein Ende zu bereiten jäh,
Auf daß das Leben nicht mehr zäh.

Sitzt er da und muß still leiden,
Will befreiend Tat vermeiden,
Kann man erkennen auf der Stelle,
Worin des Rätsels Lösung schnelle:
Wenn wir uns stark zusammentun,
Dann mag derweil das Elend ruh´n.

Auch uns’re Träume werden heiter,
Wenn wir den Laden bringen weiter.



Zum Geleit CI

Zur AS-Sitzung am 18. Dezember 2014

Fabelhaft

1) Hase und Igel

Es wird erzählt, daß zwei, die nicht sehr schnell,
Den einen, der schnell hoppelnd ronnte,
So lang’ und oftmals foppten auf der Stell’,
Bis er am End’ nur japsen konnte.

2) Fuchs und Löwe

Der eine ist schlau, der and’re mächtig,
Der Fuchs gilt klug, der Löwe hat Kraft:
Was nützt denn des Raubtiers Mähne mächtig,
Wenn Gewitztheit die Pointe schafft?

3) Esel und Mensch

Laut bockt das Tier mit entsetzt grellem Schrei,
Wenn es soll seine Schritte wagen.
Gleichwohl, es hilft nichts, bleibt doch einerlei -
Es muß den Reiter trotzdem tragen.

4) Fabelhaft

Ein jedes Gleichnis macht im Leben Sinn,
Wenn wir es sinnvoll wirkend schaffen,
Auf die Entfaltung immer wieder hin,
Daß wir nicht auseinanderklaffen.



Zum Geleit C

Zur AS-Sitzung am 20. November 2014

Verschieden und gleich

1) Versuch macht klug

Niemand glaube, daß
in bedrängendem Umstand
kein Aufbruch möglich.

2) Klug ist gemeinsam

Der Ärger über
die verordnete Enge
ist weit verbreitet.

3) Gemeinsam besonders

Im gleichen Handeln
erweisen sich in der Tat
Individuen.

4) Besonders lacht souverän

In Erwartung der
anderen Möglichkeiten
ist die Freude groß.



Zum Geleit XCIX

Zur AS-Sitzung am 23. Oktober 2014

Frieden, Demokratie, soziale Gerechtigkeit

1) Der tiefere Sinn

„Unter einem vollkommenen Menschen verstehe ich einen, der sich unter vollkommenen Zuständen ausleben kann, einen, der nicht verwundet oder zerbissen oder verkrüppelt oder in ewiger Gefahr ist.“
Oscar Wilde, „Der Sozialismus und die Seele des Menschen“, 1891.

Die Wissenschaften bedürfen der Neujustierung ihres gemeinsamen Mittelpunkts: Der Mensch als aufgeklärtes, kooperatives und gestaltendes Wesen. Das ist der tiefere Sinn (allgemeiner) besonderer Begabung.

2) Soziales

„Kein Staatsbürger darf so reich sein, um sich einen anderen kaufen zu können, und keiner so arm, um sich verkaufen zu müssen.“
Jean-Jacques Rousseau, „Der Gesellschaftsvertrag“, 1762.

Wenn die öffentlichen Einrichtungen tatsächlich dem Allgemeinwohl zwecklich sein sollen, dann bekommt das Wort Steuern eine neue Bedeutung.

3) Bildung

„Im Volke muß daher öffentlicher Geist, großer Gemeinsinn erst gebildet werden, und zwar dadurch, daß man ihn befriedigt; und wie man alles Höchste erst durch das Besitzen erkennt und Gutes tun muß, um es recht zu lieben: so muß das Volk höhere Güter freier Regierung umsonst bekommen, um ihrer nachher würdig zu werden.“
Jean Paul, „Politische Fastenpredigten während Deutschlands Marterwoche“, 1816.

Die praktische Einheit von Geist, Tat und gesellschaftlicher Verwirklichung bedarf materieller Voraussetzungen, offener Beteiligungsstrukturen, verantwortlicher Tendenz und Respekt vor großen Ambitionen.

4) Frieden

„Wir Sozialdemokraten erlauben uns allerdings, der Meinung zu sein, daß es weder der Menschennatur noch dem Kulturfortschritt entspricht, daß die Völker zueinander wie reißende Bestien stehen und von Zeit zu Zeit ihre Konflikte auf dem Wege des blutigen Massenmordes lösen. Wir sonderbaren Schwärmer erlauben uns, der Meinung zu sein, daß es der menschlichen Natur und dem Kulturfortschritt des 20. Jahrhunderts viel mehr entspricht, daß alle Völker und Rassen der Erde mit brüderlich friedlicher Solidarität gemeinsam die menschliche Kultur vorwärtstreiben.“
Rosa Luxemburg, Rede am 7. März 1914 in Freiburg.

Frieden: Freiheit von Gewalt; Freiheit für zivile Entwicklung in internationaler Gemeinschaft und nützlicher Aufmerksamkeit.



Zum Geleit XCVIII

Zur AS-Sitzung am 4. September 2014

Haltung, Welt und Mitmenschen

„Es kann nicht alles richtig sein in der Welt, weil die Menschen noch mit Betrügereien regiert werden müssen.“ (387)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft B, 1768-1771.

1) So nun aber wirklich nicht

Idyll

Der Michel sitzt in seinem Garten,
Tut sittsam auf den Frühling warten.
Kommt Sonnenhell dann leider nicht,
Ist Michel jäh voll Grimm erpicht,
Den Nachbarn zornig zu verfluchen,
Statt vor dem Regen Schutz zu suchen.

2) So schon eher

Schwindende Eintracht

Restriktion und Devotion
Kennen sich seit länger´m schon;
Gehen einig Hand in Hand
Seit´ an Seit´ durch jedes Land.
Lacht jedoch der große Lümmel,
Schlicht Volk genannt, die beiden aus,
Schluckt sie banales Getümmel,
Sind nunmehr klein wie eine Maus.

3) Neu sehen und beginnen

Menschliche Alternative

Die Welt ist anders als geboten
Sie Alltagspredigt sehen läßt,
Weil der Verstand die reifen Schoten
Nicht an dem Strauch zu lang´ vergeßt.
Der Mensch hat Möglichkeiten zweie -
Gerader Gang oder gebückt:
Kriegt er´s gemeinsam auf die Reihe,
Ist er nicht mehr so ganz verrückt.

4) Die Bedeutung des Zwerchfells

Philosophie

Wer lacht, der atmet meistens freier,
Die Heiterkeit ist sehr gesund.
Wer lacht, erreicht auch Doktor Meier,
Der sonst verkniffen hat den Mund.
Der Teufel hat so keine Chance,
Tobt in der Hölle, weil er muß,
Denn Mensch mit sicherer Balance
Hält Teufelszeug für großen Stuß.



Zum Geleit XCVII

Zur AS-Sitzung am 10. Juli 2014

Ungebrochen bedeutsam:
Studium und Lehre

„Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will.“
Heinrich Heine, „Französische Zustände“, Artikel VI, 1832.

Wenn eine schwierige Zeit lang vorrangig von Exzellenz und Forschung, von Exzellenzen in der Forschung gar, die Rede war, die Jagd nach Titeln und besonderen Mitteln ging, die Arbeit von wenigen einsam in der Kammer und bisweilen auf der Bühne stattfand, dann drängt die gegenwärtige Erinnerung auf den
kooperativen Zusammenhang zurück, der durch die tatsächliche Einheit von Forschung, Lehre und Studium erst gebildet wird und seinen Sinn erhält: lernende Wissenschaft; dann geraten auch diejenigen wieder in die Aufmerksamkeit – respect yourself heißt immer auch: achte Deinesgleichen –, die ohne viel
Aufhebens sich intensiv der Aufgabe von Studium und Lehre
gewidmet haben – nicht zuletzt um einer aufgeklärten Welt willen. Wir wollen daraus lernen.



Zum Geleit XCVI

Zur AS-Sitzung am 19. Juni 2014

Philosophie ist doch praktisch

1) Korrekturen sind immer möglich

„Wir mögen eine Raserei gern mit ein wenig Philosophie bemänteln und finden es unserer Ehre nicht eben nachteilig, wenn man uns von einem dummen Streiche zurückhält und das Geständnis, falsch philosophiert zu haben, abgewinnet.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Hamburgische Dramaturgie“, siebzehntes Stück, 26.6.1767.

Die Menschheit hat mittlerweile so viele Irrtümer angehäuft, daß es sich lohnt, sie zum Einsturz zu bringen.

2) Kritik

„Der internationale Sport ist ein Schweinesystem.“
Jakob Augstein, „Schluss mit der WM!“, SPIEGELONLINE“, 12.6.´14.

Und: Niemand braucht mehr Militäreinsätze, Alle brauchen weniger davon.

3) Der Lümmel

„Das Volk (pfui!), das Publikum (pfui!). Die Abenteuer-Politiker fragen mit dem Stirnrunzeln dessen, der es faustdick hinter den Ohren hat: ›Das Volk! Was ist denn dieses Volk? Wer kennt es denn? Wer hat es denn je definiert?‹, und unterdessen machen sie nichts anderes, als Tricks um Tricks auszudenken, um die Mehrheit zu erlangen (...).“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 3 (1930), §7, zitiert nach: Kritische Gesamtausgabe, Argument-Verlag, 1991, Band 2, S. 337.

Der Mißbrauch des Vertrauens ist kein zwingender Grund zu resignieren, sondern die Möglichkeit, die Verwirklichung berechtigter Ansprüche bei sich selbst und Seinesgleichen zu entdecken.

4) Wetterlaunen?

Sonne, Regen, Wind und Stille,
Helligkeit wechselt mit Grau -
Geologisch launisch Wille,
Was gleich kommt, dem man nicht trau.

Einzig eine Linie finden
Kann der Mensch, wenn er bedenkt:
Handeln nach den eig´nen Gründen
Ist, was die Geschicke lenkt.



Zum Geleit XCV

Zur AS-Sitzung am 15. Mai 2014

Wenn, dann

Wenn Angst zumeist bestimmt das Denken,
Wenn Neid und Mißgunst die Gedanken lenken,
Wenn die Freude weicht oft dem Verdruß,
Wenn immer wieder ein Strenger mahnt, man muß,
Weil alle schließlich müssen müssen,
Dann ist es Zeit zu klügeren Beschlüssen,
Dann wird der Rücken grade gemacht,
Dann wird zuerst nach-, dann weiter vorgedacht,
Dann wird gehandelt nach dem Wissen,
Weil Angst niemals ein gutes Ruhekissen.

Olaf Walther, 14.05.2014.



Zum Geleit XCIV

Zur AS-Sitzung am 10. April 2014

Der Frieden vor der Nasenspitze
Eine Betrachtung

1) Das Prinzip Roheit

„Der Bürger gilt nichts mehr, der Krieger alles,
Straflose Frechheit spricht der Sitten Hohn,
Und rohe Horden lagern sich verwildert
Im langen Krieg, auf dem verheerten Boden.“

Friedrich Schiller, Prolog bei der Wiedereröffnung der Schaubühne in Weimar, Oktober 1798.

Schon wenn von „Wettbewerb“ und „Weltspitze“ die Rede ist, wenn die Schönheit der Orchideen durch Dürre zu vergehen droht, die lernenden Subjekte nicht mehr zählen sollen, dann nehme sich auch die Wissenschaft in acht.

2) Die Macht des Exempels

„Ein großes Muster weckt Nacheiferung
Und gibt dem Urteil höhere Gesetze.“

Derselbe, ebenda.

Fast allen steht meistens eine Alternative zur Verfügung: Man schätze die Kriegstrommeln nicht, marschiere nicht nach ihrem Takt, achte die Erkenntnis, lasse sich leiten von der Freude, wirke mit Seinesgleichen zusammen und vervielfache so das Sinnvolle. Nicht nur die Geschichte, auch der Alltag hält Beispiele bereit.

3) Realismus

„Der einzelne erwartet, daß der Organismus handelt, auch wenn er nicht tätig wird, und er überlegt nicht, daß gerade deshalb, weil seine Einstellung sehr verbreitet ist, der Organismus notwendig untätig ist.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 15 (1933), § 13 „Kulturprobleme Fetischismus.“

Dagegen: Beginnen oder sich anschließen. Das verbreitet eine geänderte Einstellung.

4) Stimmige Rationalität

„Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut.“ (286)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft E, 1775-1776.

Die Mimik ändert sich jäh, wenn wir erkennen, daß nicht nur das Rad, sondern auch der Käfig verlassen werden kann. Heiterkeit bestimmt den ersten Schritt. Er hat die richtige Richtung.



Zum Geleit XCIII

Zur AS-Sitzung am 13. März 2014

Kultur der Zurückhaltung

Der einstige Basta-Kanzler
Im Theater auf der Bühne
Gab sich offen und nachdenklich
Und wog ein neues Urteil ab

Nannte das Vorgehen Rußlands
Völkerrechtswidrig, sparte nicht
Vor Publikum mit Kritik am
Mangelnden Geschick der EU
Daß man mit einem Land so nicht
Umgehen kann, gestand noch ein

Er selbst als Kanzler habe beim
Jugoslawienkonflikt einst
Auch so gegen das Völkerrecht
Verstoßen und sei insofern
Vorsichtig mit erhobenem
Zeigefinger wider Rußland.

Kann es sein, daß das Theater
Vor Publikum zur Wahrheit drängt
Daß späte Einsicht Zukunft hat
Das Völkerrecht zu neuer Ehr´
Gelangt und daß Diplomatie
Kalten und heißen Krieg ersetzt?

Die hohen Fragen des Friedens
Haben irdische Bedeutung.

Olaf Walther, 10.03.2014.



Zum Geleit XCII

Zur AS-Sitzung am 16. Januar 2014

Ausgefallen?

Das Gros der Menschen hat wohl sehr
Viel größ´re Chancen als bisher
Sie meistens für sich wahrgenommen:
Die Möglichkeiten gehen, kommen

Stets wieder, wenn man sie erkennt,
Man bleibet und nicht seitwärts rennt
In Büsche, dort recht ängstlich schauet,
Ob jemand was Vernünft´ges bauet,

Das Allen zur Entwicklung reicht,
Auch wenn man selber abseits weicht
Und somit für die meisten mindert,
Was nützt und gut tut und nicht hindert.

Von daher läßt sich trefflich sagen,
Daß heute, auch in Zukunftsfragen,
Der Einzelne sich besser stellt,
Wenn ihm das Risiko gefällt.

Olaf Walther, 13.01.2014.



Zum Geleit XCI

Zur AS-Sitzung am 12. Dezember 2013

Auf die nächste Stufe

oder

Lernen heißt Widersprechen

1) Den Trott verlassen

„Der oft unüberlegten Hochachtung gegen alte Gesetze, alte Gebräuche und alte Religion hat man alles Übel in der Welt zu danken.“
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“,
Heft D (369), 1773-1775.

Der Glaube, der Markt mit seiner „unsichtbaren Hand“ werde es schon richten, hat vieles gerichtet: soziale und kulturelle Errungenschaften, historisches Bewußtsein, Solidarität, kooperative Entwicklung, Fairneß, Freude, Fähigkeiten – was noch?

2) Allein?

„Ein Egoist könnte in allerlei lächerliche Situationen gebracht werden.“
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“,
Heft D (311), 1773-1775.

Die angewandte Unmittelbarkeit, mit allem klar kommen zu können, ist die selbst verschuldete Isolation – das Laufen auf der Stelle. Wenn alle sich isolieren, steigen allein die Börsenkurse. Wer gewinnt dabei?

3) Öffnung

„Erst wenn die Produktivität entfesselt ist, kann Lernen in Vergnügen und Vergnügen in Lernen verwandelt werden.“
Bertolt Brecht, „Nachträge zum ›Kleinen Organon‹“, 1954.

Die Gebote der Verwertung sind vergnügungsfeindlich. Gemeinsame Erkenntnis besteht in der Erkenntnis des Gemeinsamen. Der Widerspruch zum Hamsterrad läßt auch den Käfig verlassen. Außerhalb des Käfigs kommt man voran.

4) Nicht nur sonntags

„Und dann konnten wir endlich lachen. Bis uns die Tränen in den sauberen Sonntagskragen liefen.“
Wolfgang Borchert, „Der Stiftzahn oder Warum mein Vetter keine Rahmbonbon mehr ißt“, aus dem Nachlaß 1961.

Die Erleichterung über verlassene Irrtümer kennt keine Grenzen. Die einsetzende Heiterkeit ist die Grundlage neuer Aussichten. Aktivität gedeiht durch Lachen.



Zum Geleit XC

Zur AS-Sitzung am 14. November 2013

Innerer Disput

Die schlecht’ Gewohnheit wie ein Tier,
Hockt seit drei Jahren oder vier
November lang am Seelengrund
Als ein verfluchter Schweinehund.

Die Angst jagt Dich stets zur Seite,
Im Fall, Du eng bangst die Weite,
Die Dir erweiset sich zu viel,
Um zu gelangen zu dem Ziel,
Daß eher zu erreichen ist,
Alsbald Du nicht mehr bänglich bist.

So halte ein und kehr’ zurück
Zur Mutigkeit, erst Stück für Stück;
In Folge mit Gewißheit dann
Dich wenig nur noch halten kann.

Olaf Walther, 11.11.2013.



Zum Geleit LXXXIX

Zur AS-Sitzung am 17. Oktober 2013

Lob des Zweifels

von Bertolt Brecht

Gelobt sei der Zweifel! Ich rate Euch, begrüsst mir
Heiter und mit Achtung den
Der Euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!
Ich wollte, Ihr wäret weise und gäbt
Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.

So stand eines Tages ein Mann auf dem unbesteigbaren Berg
Und ein Schiff erreichte das Ende des
Unendlichen Meeres.

Oh schönes Kopfschütteln
Über der unbestreitbaren Wahrheit!
Oh tapfere Kur des Arztes
An dem rettungslos verlorenen Kranken!

Schönster aller Zweifel aber
Wenn die verzagten Geschwächten den Kopf heben und
An die Stärke ihrer Unterdrücker
Nicht mehr glauben!

Oh, wie war doch der Lehrsatz mühsam erkämpft!
Was hat er an Opfern gekostet!
Daß dies so ist und nicht etwa so
Wie schwer war’s zu sehen doch!
Aufatmend schrieb ihn ein Mensch eines Tages
in das Merkbuch des Wissens ein.
Lange steht er vielleicht nun da drin und viele Geschlechter
Leben mit ihm und sehen ihn als ewige Weisheit
Und es verachten die Kundigen alle, die ihn nicht wissen.
Und dann mag es geschehen, daß ein Argwohn entsteht, denn neue Erfahrung
Bringt den Satz in Verdacht. Der Zweifel erhebt sich.
Und eines anderen Tags streicht ein Mensch im Merkbuch des Wissens
Bedächtig den Satz durch.

Von Kommandos umbrüllt, gemustert
Ob seiner Tauglichkeit, von bärtigen Ärzten, inspiziert
Von strahlenden Wesen mit goldenen Abzeichen, ermahnt
Von feierlichen Pfaffen, die ihm ein von Gott selber verfasstes Buch um die Ohren schlagen
Belehrt
Vor ungeduldigen Schulmeistern, steht der Arme und hört
Daß die Welt die beste der Welten ist und daß das Loch
Im Dach seiner Kammer von Gott selber geplant ist.
Wirklich, er hat es schwer
An dieser Welt zu zweifeln.
Schweißtriefend bückt sich der Mann, der das Haus baut, in dem er nicht wohnen soll
Aber es schuftet schweisstriefend auch der Mann der sein eigenes Haus baut.
Da sind die Unbedenklichen, die niemals zweifeln.
Ihre Verdauung ist glänzend, ihr Urteil ist unfehlbar.
Sie glauben nicht den Fakten, sie glauben nur sich, Im Notfall
Müssen die Fakten dran glauben.
Ihre Geduld mit sich selber
Ist unbegrenzt. Auf Argumente
Hören sie mit dem Ohr des Spitzels.

Den Unbedenklichen, die niemals zweifeln
Begegnen die Bedenklichen, die niemals handeln.
Sie zweifeln nicht, um zur Entscheidung zu kommen, sondern
Um der Entscheidung auszuweichen. Ihre Köpfe
Benützen sie nur zum Schütteln. Mit besorgter Miene
Warnen sie die Insassen sinkender Schiffe
vor dem Wasser.
Unter der Axt des Mörders
Fragen sie sich, ob er nicht auch ein Mensch ist.
Mit der gemurmelten Bemerkung
Daß die Sache noch nicht durchforscht ist, steigen sie ins Bett.
Ihre Tätigkeit besteht im Schwanken.
Ihr Lieblingswort ist: nicht spruchreif.

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt
so lobt nicht
Das Zweifeln, das ein Verzweifeln ist!

Was hilft Zweifeln können dem
Der sich nicht entschließen kann!
Falsch mag handeln
Wer sich mit zu wenigen Gründen begnügt
Aber untätig bleibt in der Gefahr
Der zu viele braucht.

Du, der du ein Führer bist, vergiß nicht
Dass du es bist, weil Du an Führern gezweifelt hast!
So gestatte den Geführten
Zu zweifeln!



Zum Geleit LXXXVIII

Zur AS-Sitzung am 5. September 2013

Radikal zivil

oder

Der Mut zum Frieden

1) Fortwährende Alternative

„Wenn es zum Marschieren kommt, wissen viele nicht
Daß ihr Feind an ihrer Spitze marschiert.
Die Stimme, die sie kommandiert
Ist die Stimme ihres Feindes.
Der da vom Feind spricht
Ist selber der Feind.“

Bertolt Brecht, Svendborger Gedichte, 1939.

Abgesehen vom Marschieren, sind der Verlust von Wahrheit, die Gewalt, die Zerstörung, die Eroberung auch sowie die Behinderung von Entwicklung – auf allen Seiten – nicht menschengemäß.

2) Angewandte Güte

„Anstatt nur vernünftig zu sein, bemüht euch
Einen Zustand zu schaffen, der die Unvernunft der einzelnen
Zu einem schlechten Geschäft macht!“

Bertolt Brecht, „Was nützt die Güte“, Gedichte 1934-1939.

Wer erkannt hat, daß Konkurrenz viele Gesichter hat, kann ihr kritisch begegnen und, davon überzeugt, überzeugen, daß Kooperation, Erkenntnisse und koordiniertes Handeln, gerichtet auf strukturelle Verbesserungen, ihre Wirksamkeit nicht verfehlen.

3) Courage nützt allen

„Zwar wird das gegenwärtige deutsche Regime von der Bildfläche verschwinden, was gewiß nicht wenig ist; aber eine Menge Fascismus wird man zu erhalten sich genötigt sehen, um der ›Revolution‹, das heißt der ökonomischen Vollendung der Demokratie vorzubeugen, die allein einen relativ sicheren Schutz gegen weitere Katastrophen zu bieten vermöchte.“
Thomas Mann, 1944, Beitrag zu einem Symposion der Zeitschrift ›Argosy‹ über die Frage ›Is World Security possible?‹.

Frieden bedeutet nicht nur, daß die Waffen ruhen und aus Helmen Nudelsiebe werden, sondern auch, daß soziale Gerechtigkeit, erweiterte gesellschaftliche Beteiligung, ein gebildeter Alltag und der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, Allgemeingut werden. Darin besteht eine individuelle Herausforderung zur Entfaltung der Persönlichkeit.

4) Mutes Lohn: Heiterkeit

„Und dann konnten wir endlich lachen. Bis uns die Tränen in den sauberen Sonntagskragen liefen.“
Wolfgang Borchert, „Der Stiftzahn oder Warum mein Vetter keine Rahmbonbon mehr ißt“, 1946/47.

Wer die verordnete Enge verläßt, kann sich auf andere verlassen – und: Lachen.
Die Luft schwingt mit.



Zum Geleit LXXXVII

Zur AS-Sitzung am 4. Juli 2013

Bewegung

oder

Möglichkeiten der Einigung

1) Auch das ist „Amerika“

„Fair Deal [’fea ’di:l; engl. ›gerechter Anteil‹], wirtschafts- und sozialpolit. Programm, vorgelegt 1949 von Präs. H.S. Truman, nach dem in Anknüpfung an F.D. Roosevelts New Deal der Einzelne einen gerechten Anteil am volkswirtsch. Gesamtertrag erhalten sollte. Es forderte u.a. ein Beschäftigungs- und Wohnungsbauprogramm, Erziehungshilfen und Abbau der Rassenschranken. Aufgrund der Widerstände im Kongress konnte Truman nur einen kleinen Teil des F.D. verwirklichen.“
Brockhaus, Bd. 6, S. 2002, Gütersloh/München 2010.

Die Vergangenheit weist in die Gegenwart. Die Zukunft besteht darin, das Uneingelöste zu verwirklichen. Überall. Beginn: Im Nu.

2) Entfernung der Hauptlast

„Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegsablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist.“
Kurt Tucholsky, „Die brennende Lampe“, 1931.

Wenn das Leben an erster Stelle steht, hat der Krieg abzutreten. Wenn die scheppernde Energie umgewandelt würde in reine Zivilität, könnte man das Leben menschlich nennen.

3) Nur mit Verstand

„Wer sich heute noch in ›Seele‹ sielt, ist rückständig, geistig und moralisch. Der Zeitpunkt, wo man wahrhaft recht hatte, wenn man gegen die Vernunft und den Geist recht hatte, ist vorüber. –“
Thomas Mann, Tagebuch, 16.3.1935.

Die Zerstörung der Vernunft wird immer weniger akzeptiert. Auf den Straßen und in den Häusern wird neu nachgedacht. Die Erde ist keine Scheibe. Hier gibt es Bewegung. Rund um den Erdball.

4) Was ist, muß nicht bleiben

„Gehorsam ist ein großes Wort.
Meistens heißt es noch: Sofort.
Gern haben´s die Herrn.
Der Knecht hat´s nicht so gern.“

Bertolt Brecht, „Alfabet“, 1934.

Die Verwirklichung der Vernunft bedeutet auch immer Ungehorsam gegen die Unvernunft. Das strukturelle Oben und Unten ist den meisten wenig bekömmlich. Die Mehrzahl hat also ein rational begründetes Interesse an der Gleichwertigkeit der Mehrzahl. Das kann sehr praktisch sein.



Zum Geleit LXXXVI

Zur AS-Sitzung am 6. Juni 2013

Im Zweifel: Aufklärung!

1) Es gibt keine Wiederholungen

„Es ist sehr gut, die von andern hundertmal gelesenen Bücher immer noch einmal zu lesen, denn obgleich das Objekt einerlei bleibt, so ist doch das Subjekt verschieden.“ (54)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft H, 1784-1788.

Wenn man sich vor neuen Herausforderungen befindet, ist es hilfreich, dort nachzuschlagen, wo ähnliche Herausforderungen an die Menschen herangetreten sind. Lernen.

2) Haltung und Richtung

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muß anders werden, wenn es gut werden soll.“ (239)
Derselbe, Heft K, 1793-1796.

Ohne Garantie, aber mit Erhöhung der Wahrscheinlichkeit des Gelingens, besteht die Verantwortung für alle Einzelnen, zu Verbesserungen aller Art beizutragen. Beginnen.

3) Ethos

„Eine Gleichheit und Freiheit festsetzen, so wie sie sich jetzt viele Menschen gedenken, das hieße ein elftes Gebot geben, wodurch die übrigen zehn aufgehoben würden.“ (153)
Derselbe, ebenda.

Gleichheit und Freiheit sowie das kooperative Zusammenwirken zu den Zwecken dieser nicht zu trennenden Einheit bilden das Movens jeglicher aufgeklärten Tat. Wissen.

4) So oder so

„Man kann auf vielerlei Weise Gutes tun, als man sündigen kann, nämlich mit Gedanken, Worten und Werken.“ (22)
Derselbe, Heft H, 1784-1788.

Krieg in diversen Formen ist das Gegenteil der Kunst als Schaffung menschenwürdiger Bedingungen, Möglichkeiten und Entwicklungen. Entscheiden.



Zum Geleit LXXXV

Zur AS-Sitzung am 2. Mai 2013

Optionen

„Der Krieg wird nur beendet, wenn die Feldherren die Hügel verlassen haben“, sagte der Historiker und legte den Zeigefinger der rechten Hand nachdenklich an die Stirn.

„Uns interessiert vorrangig die Materie“, sprach der Physiker, kaum vernehmbar für die staunend Umstehenden.

„Auch wir“, bestätigte eilfertig der Betriebswirtschaftler, „bewegen uns meist im Reich der Zahlen und statistischen Kurven.“

Ernst und Erna hingegen sind der Auffassung, daß der Krieg beendet sei, wenn niemand hinginge.

So unterschiedlich sind die Haltungen zum gesellschaftlichen Leben.

Olaf Walther, 01.05.2013.



Zum Geleit LXXXIV

Zur AS-Sitzung am 4. April 2013

Abstand zu den Diktaten

(Wir lösen uns aus der Entfremdung, wenn wir sie fremd finden.)

1) Böses Erwachen

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“
Franz Kafka, „Die Verwandlung“, 1912/1915.

Wer mag sich schon für einen Käfer halten? „Die Verwandlung“ macht jedoch literarisch deutlich, daß wir uns gelegentlich heftig abzustrampeln haben, ohne von diesen Mühen recht überzeugt zu sein. Die Geschichte macht deutlich: So nicht! Wir wollen nicht verdorren.

2) Rückzug, der falsche Ort

„Das Schönste an meinem Bau ist aber seine Stille, freilich ist sie trügerisch, plötzlich einmal kann sie unterbrochen werden und alles ist zu Ende, vorläufig ist sie aber noch da, stundenlang kann ich durch meine Gänge schleichen und höre nichts als manchmal ein Rascheln irgendeines Kleintiers, das ich dann gleich zwischen meinen Zähnen auch zur Ruhe bringe, oder das Rieseln der Erde, das mir die Notwendigkeit irgendeiner Ausbesserung anzeigt, sonst ist es still.“
Franz Kafka, „Der Bau“, 1923/24.

Eine (falsche) Tendenz ist das Verkrümeln an einen scheinbar sicheren Ort. Was bedrohlich ist, aber auch, was dagegen anders, besser und – gemeinsam – möglich ist, kann erkannt und realisiert werden. Souveränität braucht Luft zum Atmen. Aufrecht hat die Lunge mehr Raum.

3) Bewegung – in die angemessene Richtung

„›Ach‹, sagte die Maus, ›die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.‹ ›Du mußt nur die Laufrichtung ändern‹, sagte die Katze und fraß sie.“
Franz Kafka, „Kleine Fabel“, 1920.

Es entsteht leicht die Illusion, wenn man das Falsche nur recht ordentlich und schnell erledige, dann höre es irgendwann auf. Irgendwann jedoch kippt der Haufen über einem einfach um.
Das Richtige bemißt sich an der Vermenschlichung der Gesellschaft. So werden Haufen beseitigt.

4) Hoffnung – altersfrei

„Es gibt allerdings, so weit meine Beobachtungen reichen, eine gewisse Altersklasse, die nicht zufrieden ist, es sind etwa die jungen Leute zwischen siebzehn und zwanzig. Also ganz junge Burschen, die die Tragweite des unbedeutendsten, wie erst gar eines revolutionären Gedankens nicht von der Ferne ahnen können. Und gerade unter ihnen schleicht sich die Unzufriedenheit ein.“
Franz Kafka, „Unser Städtchen liegt ...“, 1920.

Das Einschleichen von Unzufriedenheit ist nicht altersgebunden. Sowohl die Nähe zu den Übeln, als auch das Wissen von Besserem sowie das gemeinsame Lernen aus der Geschichte machen die Entbindung vom Unmittelbaren möglich. Erkenntnis kennt keine Grenzen. Kritik ist jung und erfahren. Alle sind Gesellschaft. Hoffnung entsteht durch Handeln. Frei, gleich und kooperativ.



Zum Geleit LXXXIII

Zur AS-Sitzung am 7. März 2013

Angebrachte Kurskorrektur

Wenn
die Freiheit
von Vereinbarungen
darin besteht,
zu tun, was
von einem verlangt
wird und nicht
allen gleich nützlich ist,
dann sind alle einzeln
gefordert, sich zu erkühnen,
den gemeinsamen Nutzen zu erkennen,
ihn offen mitzuteilen und sich
um seine Verwirklichung zu kümmern.

Olaf Walther, 06.03.2013.



Zum Geleit LXXXII

Zur AS-Sitzung am 17. Januar 2013

Oh, Mensch

Da der Mensch
ohne Brot nicht leben
kann, aber von Brot allein
nicht existiert, ist zudem zu sorgen
für Arbeit, Wissen, Wohlklang, Waffenfreiheit, Freude auch
und ein Zusammenwirken zur Verwirklichung dieser menschlichen Zwecke.

Olaf Walther, 16.01.2013.



Zum Geleit LXXXI

Zur AS-Sitzung am 13. Dezember 2012

Es ist nie zu spät

Wer durch sein ganzes Leben stets
An Schicksal glaubt und höh’re Mächte,
Der meint, mit Ordnung täglich geht’s,
Die ihm den eig’nen Vorteil brächte.
Niemals Zweifel?
Dann kommt der Tag, wo man sich dann,
Mit klarem Blick und ohne Strenge,
Ganz deutlich sieht und sagen kann:
Fort und hinaus aus dieser Enge!

Der Zweifel eigentlich ruht nie,
Auch wenn wir daran sollen glauben,
Daß Leben in Demokratie
Sei nur Verzicht und ohne Trauben.
Neue Gewißheit?
Wachsam sein, heißt wohl zu wissen,
Daß Egoismus ist kein Genuß,
Genügsamkeit ein hartes Kissen –
Und daß der Mensch sich regen muß.
Immer.

Olaf Walther



Zum Geleit LXXX

Zur AS-Sitzung am 18. Oktober 2012

Kleine Fabelkunde

(Alphabetisches Ensemble)

„Denn die anschauende Erkenntnis erfordert unumgänglich, daß wir den einzeln[en] Fall auf einmal übersehen können; können wir es nicht, weil er entweder allzuviel Teile hat oder seine Teile allzuweit auseinanderliegen, so kann auch die Intuition des Allgemeinen nicht erfolgen.“
Gotthold Ephraim Lessing, „Abhandlungen über die Fabel“, 1759.

Adler:
Jäh schwingt sich die strenge Majestät hoch in die Lüfte, um dann doch immer wieder auf festem Grund zu landen.

Biene:
Sie gilt berechtigtermaßen als fleißig, lebt aber nur kurz und in einem strengen Staat.

Chamäleon:
Hier ist der Meister der Anpassung; er kann seine Farbe dem Untergrund angleichen und mit den Augen um die Ecken schauen, ist aber wenig wohl gelitten.

Dinosaurier:
Er hatte ungeheure Größe - und ein zu kleines Hirn.

Elefant:
Das - allegorische - Lieblingstier von Bertolt Brecht: Stark, klug, sensibel; groß, schnell - und er versteht Spaß.

Fliege:
Sie ist klein und lästig, liebt den Mist und ist sehr schwer zu fassen.

Gänse:
Wenn sie umständlich am Boden watscheln, erzeugen sie Lächeln. Fliegen sie in der Formation gen Süden, machen sie eine gute Figur.

Hund:
Da seine historischen Vorfahren in Freiheit leben, hat er stets ein schlechtes Gewissen.

Igel:
Die figürliche Defensivität ist seine runde Sache. Im Duett besiegt er auch den rennenden Hasen.

Jaguar:
Er ist schnell und aggressiv, muß sich aber dem Tiger unterordnen.

Kamel:
Wenn auch nicht sehr klug, so doch sehr ausdauernd.

Lama:
Spucken gilt - zu recht - als primitiver Ausdruck der Verachtung.

Maus:
Wer schnell rennen kann, sollte die richtige Richtung wählen.

Nachtigall:
Die Unsinnigkeit schönen Gesanges konnte bislang noch nicht bewiesen werden. Erhebend.

Otter:
Er verzehrt seine Nahrung (auf dem Rücken schwimmend) in bequemer Haltung.

Papagei:
Die Sprache ist des Vogels Element - allerdings in steten Wiederholungen.

Quappe:
Der Larve ist noch nicht anzusehen, was einmal aus ihr wird. Dafür muß man das Ergebnis kennen.

Ratte:
Da sie als unangenehm gilt, wird ihre Klugheit meist nicht (an-)erkannt.

Schlange:
Ihr wird Falschheit unterstellt, dabei ist sie nur ängstlich. Dennoch: Obacht.

Tausendfüßler:
Es ist erstaunlich, wie gut die Vielzahl aufeinander abgestimmt ist.

Uhu:
Da dem Vogel Weisheit zugemessen wird, ist es gut, sie auch in Athen zu vermuten.

Vielfraß (Bergkatze):
Wenn Mißgunst dominiert, haben alle nicht genug.

Wal:
Es gibt Tiere, die kommunizieren und kooperieren. Welch eine Herausforderung!

X:
Unbekannte (zu bestimmende) Größe.

Yak:
Das Tier lebt im asiatischen Hochgebirge und verteidigt sich gut gemeinsam gegen Fressfeinde.

Ziege:
Wer nur meckert, erreicht wenig. Wer gar nicht meckert, bekommt Magenschmerzen.

Der Mensch ist also bei der Verwirklichung des Menschlichen
auf sich selbst (und seinesgleichen) angewiesen. Q.e.d. (Quod erat demonstrandum/Was zu beweisen war.)



Zum Geleit LXXIX

Zur AS-Sitzung am 30. August 2012

Flucht oder sinnvolle Beteiligung?

1) Goldland

„Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener bessern Welt,
Wo alle Leiden schwinden.“

Heinrich Heine, „Deutschland – Ein Wintermärchen“, 1844, Caput I.

El Dorado („Der Goldene“) galt lange Zeit als ein sagenhaftes Goldland im Inneren des nördlichen Südamerika. Der Aufklärer Alexander v. Humboldt widerlegte ca. 1800 diese sehnsüchtige Illusion.

Heutzutage haben Ikea und Fantasy-Games dieselbe Funktion. Auch die Bundeskanzlerin ist um glaubhafte Märchen bemüht. „Sachzwang“ als Sage.

2) Ganz gleich: Himmel oder Gestrüpp

„Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den alten Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Die „Schuldenbremse“ ist schlicht ein Verzichtsprogramm. Die öffentlichen
Einrichtungen für Bildung, Soziales, Gesundheit und Kultur sollen abmagern. Der Zinsenfetisch soll Mainstream der Politik sein. Mentale Fluchtpunkte für die Mehrheit haben ihre Funktion.

3) Bodenhaftung

„Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Rein irdisch betrachtet, sind die Ansprüche schon vorhanden, die verwirklicht werden müssen. „Der Kampf um die Zukunft“ kann fortgesetzt werden. „Hunger ist ein schlechter Koch.“ (Bertolt Brecht) Wir haben Erfahrungen.

4) Fortschritt durch Wohlklang

„Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Totenglocken schweigen.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Heine hat ganz einfach recht.



Zum Geleit LXXVIII

Zur AS-Sitzung am 5. Juli 2012

Vermeidbare Mühsal

Die Grube ist noch gar sehr klein,
Man will sie größer haben.
Dem schaden soll, wer fällt hinein,
Mußt also tiefer graben.

Doch man vergaß die Leiter lang,
Die auf den Weg ihn brächte.
Nun ist ihm ganz entsetzlich bang;
Sein böser Drang sich rächte.

Da hockt er tief, das Leid ist groß,
Es stellt sich hier die Frage:
Wenn er gelassen hätt’ dies bloß,
Hätt’ er dann diese Plage?

Im Grunde weiß ein jedermann:
Auf Wegen ohne Löcher
Ein jeder besser gehen kann –
Man schreitet noch und nöcher.

Am besten ist’s, man denkt, bevor
Ein eifrig Werk begonnen.
Wer stets bedenkt, was nachher kommt,
Ist meist nicht so beklommen.

Olaf Walther



Zum Geleit LXXVII

Zur AS-Sitzung am 7. Juni 2012

Großes ABC

„Wer hört Entschuldigungen, wenn er Handlungen hören kann?“ (139)
Georg Christoph Lichtenberg, „Sudelbücher“, Heft C, 1772-1773.

Aller Anfang atmet außerordentlich angstamtlich Argwohn, als ahnten alle Anfangenden allen Anfangs Angst aus alten Ahnen aufbewahrter Achtung auf ambitionierte Arbeit als anstößig.

Bei behender besonderer Betrachtung beliebter Beispiele bedürftigen Blickens bleibt bereits beileibe braves Bedauern bald bleiern – bedeutet: bedeutungslos – beim Boden.

Circensischer Coup crasser Couleur charakterisiert classisches chorisches Contra: Change!



Zum Geleit LXXVI

Zur AS-Sitzung am 10. Mai 2012

Welt und Wahrheit
Eine Verbindung

1) Hoch und niedrig

„selbst die routiniertesten hollywoodschreiber, die seit 10 Jahren ein script nach dem anderen produzieren, verspüren in einer gewissen phase eines jeden scripts immer wieder die hoffnung, diesmal könnten sie etwas besseres, nicht ganz so niedriges durchbringen, durch diese oder jene list, dank dieses oder jenes glücksumstands. diese hoffnung wird immer enttäuscht, aber ohne sie können sie ihre arbeit nicht machen - und die niedrigen und schmutzigen filme entstünden nicht.“
Bertolt Brecht, „Arbeitsjournal“, 25.10.1942.

Geht der Preis nach oben, so sinken die Gedanken. Die Börse ist ein schlechter Ratgeber. Analytische Gewinne sind hier nicht zu machen.

2) Zu den Quellen

„Wenn Sie wirklich die Wahrheit kennen lernen wollen, halten Sie sich an die unmittelbaren Quellen, lesen Sie die Schriften derer, die ausfressen mußten, was andere ihnen eingebrockt haben. Da werden Sie sehen, wie es wirklich gewesen ist.“
Kurt Tucholsky, „Wie war es-? So war es-!“ („Sehr geehrter Herr Professor!“), 1928.

Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte des Ringens um Verbesserungen. Die Verneinung des Elends schafft auch geistige Gewißheit. Der Veränderungswille schafft neue Erkenntnisse.

3) Irdisch

„Schon hier auf Erden möchte ich durch die Segnungen freier politischer und industrieller Institutionen jene Seligkeit etablieren, die nach der Meinung der Frommen erst am jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll.“
Heinrich Heine, „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“, Erstes Buch, 1832.

Die Möhre vor der Nase des Esels soll ihn bewegen, ohne daß er je etwas bekäme. Sind wir Esel?

4) Welt und Wahrheit

„Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen der Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg [Weltschöpfer] des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts anderes als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle.“
Karl Marx, Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, 1873.

Sind die Gedanken so wieder auf die Füße gestellt, läßt sich die erkannte Welt auch zum Besseren verändern. Die Tat hat eine feste geistige Grundlage.


Zum Geleit LXXV

Zur AS-Sitzung am 19. April 2012

Bekömmlichere Laufrichtung

Man schadet sich und seinesgleichen,
Derweil man boxt und rennt und giftet –
Denkt, so ließe sich mehr erreichen,
Obgleich der Markt stets alle richtet.
Zufrieden?

Wer weiter rennt und hält nicht inne
In diesem roh-wunderlichen Spiel,
Dem schwinden nach und nach die Sinne:
Wer grausam bleibt, isoliert sich viel.
Genug?

Der Markt ist Platz der Eitelkeiten,
Allgemeinwohl stellt hier niemand her.
Wer nicht mehr kann, der geht beizeiten –
Ein grinsend Spott fragt nicht wie noch wer.
Wandel?

Jedoch der Abstand wächst im Zweifeln;
Wenn durch Vernunft und Tat wir einig,
Wenn jeder tut die Sach’ begreifeln,
Dann hat Bedeutung im Nu das Ich.
Bon.

Die Richtung also ist entscheidend –
Woher, wohin, mit wem, frag: Wozu? –,
Das Dasein ist nicht länger leidend,
Über den Gipfeln gibt’s keine Ruh’.
Bonbon.

Olaf Walther


Zum Geleit LXXIV

Zur AS-Sitzung am 8. März 2012

Vom Grunde her
oder
Der Mut zur Philosophie

1) Gott ist nicht notwendig

„Schöpferisch muß man folglich in ‚relativem‘ Sinn verstehen, als Denken, welches die Empfindungsweise der größten Zahl und folglich der Wirklichkeit selbst verändert, die ohne diese größte Zahl nicht gedacht werden kann. Schöpferisch auch in dem Sinne, daß es lehrt, wie es keine für sich stehende ‘Realität’ gibt, an und für sich, sondern in geschichtlichem Bezug auf die Menschen, die sie ändern usw.“
Antonio Gramsci, „Gefängnishefte“, Heft 11 (1932-1933), § 59 „Was ist Philosophie?“.

Der triftige Gedanke wird für die Mehrheit zur freudigen Tat als menschliche Gestaltung einer grundlegend verbesserungsbedürftigen Welt. So werden die 99 Prozent Wirklichkeit.

2) Die (Kenntnis der) "Seele" als Faktor

„Die analytische Einsicht ist weltverändernd; ein heiterer Argwohn ist mit ihr in die Welt gesetzt, ein entlarvender Verdacht, die Verstecktheiten und Machenschaften der Seele betreffend, welcher, einmal geweckt, nie wieder daraus verschwinden kann.“
Thomas Mann, „Freud und die Zukunft“, 1936.

Es gibt ein Unbehagen, das, wenn man den Ursprung ermittelt, sehr produktiv sein kann, um sich aufzurichten und sich diese Haltung dauerhaft zu eigen zu machen.

3) Der eigentliche Sinn

„Wenn man nicht nach Genuß strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will und nicht die beste Lage einnehmen will, warum sollte man da kämpfen?“
Bertolt Brecht, „Me-ti * Buch der Wendungen“, „TU will kämpfen lernen und lernt sitzen“, entstanden in den 1930er Jahren des Exils.

Woran ist die Schlüssigkeit einer persönlich-gemeinschaftlichen Lebenskonzeption zu erkennen? An der Stellung der Mundwinkel. (Anti-Merkel)

4) Fülle des Wohllauts

„Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt.“
Kurt Tucholsky, „Schnipsel“, 1930.

Man warte nicht auf bessere Witterung – die passende Musik ist schon vorhanden.


Zum Geleit LXXIII

Zur AS-Sitzung am 19. Januar 2012

Kooperation
oder
Die Stärke des Verstandes

„Der Dornstrauch
»Aber sage mir doch«, fragte die Weide den Dornstrauch, »warum du nach den Kleidern des vorbeigehenden Menschen so begierig bist? Was willst Du damit? Was können sie dir helfen?«
»Nichts!« sagte der Dornstrauch. »Ich will sie ihm auch nicht nehmen; ich will sie ihm nur zerreißen.«“

Gotthold Ephraim Lessing, „Fabeln * Drei Bücher“ (Zweites Buch), 1759.

„Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine anschauend in ihm erkennen, heißt ein Exempel.“
Ders., „Abhandlungen * I Von dem Wesen der Fabel“, 1759.

Bedenkenlose Ruppigkeit gilt gemeinhin als Stärke, bedachte Freundlichkeit als Schwäche; Oberflächlichkeit hat den Vorteil, nicht allzuviel wissen und verantworten zu müssen; schnelles Handeln statt Rücksichtnahme sichert die ersten der (raren) guten Plätze; spontane Emotionalität schützt vor einem gefährlichen Maß an kritischer Rationalität; Lügen haben zwar laut Überlieferung kurze Beine – aber wer vertraut schon Überlieferungen?

Laut Kurt Tucholsky stünden manche Leute lieber in der Ersten Klasse, als daß sie in der Dritten Klasse säßen.

Des Alltags Zustände halten viele Exempel (s.o.) dafür bereit, wie die Allgemeinheit, das Wesen unserer Gesellschaft, verfaßt ist.

Das ist, wie alles im menschlichen Leben, erkennbar, kritisierbar und veränderbar, ergo: Eine Angelegenheit des Verstandes und der Entscheidung, ihn zielgerichtet einzusetzen.

Solidarität ist gemäß Erkenntnis und Erfahrung eine kooperative Handlungsweise, die darauf gerichtet ist, gemeinschaftlich dafür zu wirken, menschenwürdige Lebensverhältnisse zu schaffen. Von der Mehrzahl für die Mehrzahl.

Kollegialität ist, gemessen an der Freude des Handelns und dem Sinn des Ergebnisses, eine Arbeitsweise, die von der Einsicht in die Nützlichkeit des gemeinsamen Wirkens geleitet ist.

Da die Welt, wie sie ist, nicht so bleiben kann, sollte anders als egoistisch gedacht werden.

Freundlichkeit könnte also heißen, nachdrücklich für freundliche Zustände zu sorgen.

„Das Ross und der Knabe
Auf einem feurigen Ross floh stolz ein dreuster Knabe daher. Da rief ein wilder Stier dem Rosse zu:
»Schande! Von einem Knaben ließ ich mich nicht regieren!«
»Aber ich«, versetzte das Roß. »Denn was für Ehre könnte es bringen, einen Knaben abzuwerfen?«“

Gotthold Ephraim Lessing, „Fabeln“, a.a.O.


Zum Geleit XXXVII

Zur AS-Sitzung am 25. Oktober 2007

Was soll denn daran so schmutzig sein?
oder
Die gemeinsame Gestaltung der allgemeinen Belange

1) Erkenne dein Sein

„Ich kann hundert Dinge mein Eigentum nennen, insofern ich von ihnen dartun kann, daß sie ohne mich entweder gar nicht oder doch nicht solcher Gestalt vorhanden sein würden; aber folgt daraus, daß ich sie deswegen ausschließungsweise zu nutzen befugt bin?“
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), „Leben und leben lassen“/“Über Eigentum an Geisteswerken“, aus dem Nachlaß.

Alle Menschen in ihrer kulturellen Aneignung und sozialen Verwirklichung sind nie exklusiv respektive bedürfen: der Vor-Leistungen und - Bilder der Geschichte, der aktuellen Umstände, der nächsten und internationalen Mitmenschen, der Einsichten, der Aussichten -, der Veränderung durch rational koordiniertes Handeln. Menschlich ist, wer dies nicht vergißt.

2) Der unschätzbare Wert des Verbotenen

„Vor den Geistlichen darf man nicht über Gott lästern. Vor Nationalen darf man nichts gegen das Vaterland sagen. Vor Kapitalisten nichts gegen die Nase der Börse, die tausend Nasen hat und keine... Die Empfindungen könnten verletzt werden. Aber ich habe noch nie gehört, daß in Deutschland irgend etwas getan wird oder unterblieben ist, weil sich Pazifisten in ihren Empfindungen verletzt fühlen.“
Kurt Tucholsky, „So verschieden ist es im menschlichen Leben“, 1928.

Die hohen und höchsten Instanzen erheischen humorfreie Unterwerfung. Niemand wagt es, zu widerlächeln. Der Kaiser ist nicht nackt. Die Bedeutung der Kleider und der Zeremonien sitzt tief.
Oder?

3) Geist und orientierte Tat

„Die Philosophie teilt das Schicksal der Demokratie. Sie ist gezwungen, militant zu sein, aus dem einfachen Motiv der Selbsterhaltung. In der Welt, die das Ergebnis wäre von Hitlers Sieg, in dieser Gestapo-Welt allgemeiner Versklavung gäbe es Philosophie überhaupt nicht mehr, sowenig wie es Demokratie gäbe.“
Thomas Mann, „Denken und Leben“, 1941.

Die prinzipiellen Gedanken sind ohne relevante Teilhabe so wenig zu realisieren wie der gemeinsame Einfluß nicht ohne tiefere Einsichten zu haben ist.
Diese Geschwister sind gegen Roheiten zu verteidigen, sonst können sie sich nicht entwickeln. Klugheit braucht Bewegung - Züchtigung ist ihr zuwider.

4) Glanz und Banalität

„Schaust du diese Bergesgipfel
Aus der Fern, so strahlen sie,
Wie geschmückt mit Gold und Purpur,
Fürstlich stolz im Sonnenglanze.
Aber in der Nähe schwindet
Diese Pracht, und wie bei andern
Irdischen Erhabenheiten
Täuschen dich die Lichteffekte.
Was dir Gold und Purpur dünkte,
Ach, das ist nur eitel Schnee,
Eitel Schnee, der blöd und kläglich
In der Einsamkeit sich langweilt.“

Heinrich Heine, „Atta Troll“, Caput XVI, 1842.

Genau betrachtet - auch aus der Distanz, mit dem Fernglas erkennbar - erweist sich das Imposante als etwas Gemachtes, das sich wieder verändern läßt.
Wenn keiner hingeht, ist kein Krieg. Zivile Entwicklung bedeutet die Einigkeit in dem prinzipiellen Richtungswechsel.

Hamburg, den 23. Oktober 2007


Zum Geleit XXXVIII

Zur AS-Sitzung am 22. November 2007

Aus der Geschichte lernen
oder
Ordnung und Leben

1) Innere Ordnung

„Sie stelzen noch immer so steif herum,
So kerzengerade geschniegelt,
Als hätten sie verschluckt den Stock,
Womit man sie einst geprügelt.
Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
Sie tragen sie jetzt im Innern;
Das trauliche Du wird immer noch
An das alte Er erinnern.“

Heinrich Heine, „Deutschland – Ein Wintermärchen“, Caput III, 1844.

Zu den ersten und ernsten modernen Geboten unserer neoliberalen Tage - das ist die Zeit des bleckenden Lächelns - gehört, das tun zu wollen, was man tun soll. Dabei erbringt schon ein Blick auf die jüngste Teuerungsrate und ihre grob unterschiedlichen Auswirkungen, daß die soziale Ungleichheit nicht geringer geworden ist. Das bejahend zu verinnerlichen, ist wenig bekömmlich.

2) Alt und neu

„Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
Des Zopftums neuere Phase:
Der Zopf, der ehemals hinten hing,
Der hängt jetzt unter der Nase.
Nicht übel gefiel mir das neue Kostüm
Der Reuter, das muß ich loben.
Besonders die Pickelhaube, den Helm,
Mit der stählernen Spitze nach oben.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Kriege gehören nach wie vor zum menschlichen Alltag. Märkte und Rohstoffe wollen hie und da auch rabiater als rein geschäftlich erobert sein. Diejenigen, die schießen oder erschossen werden sollen, haben meist am wenigsten davon. Die Fragwürdigkeit der militärischen Unternehmungen wächst.

3) Stillstand

„Das mahnt an das Mittelalter so schön,
An Edelknechte und Knappen,
Die in ihrem Herzen getragen die Treu
Und auf dem Hintern ein Wappen.
Das mahnt an Kreuzzug und Turnei,
An Minne und frommes Dienen,
An die ungedruckte Glaubenszeit,
Wo noch keine Zeitung erschienen.“

Heinrich Heine, a.a.O.

Das neu-freiheitliche Zeitalter baut auf die Verstärkung der faktischen Hierarchien. Bravheit wird mit mehr Hetze und Kommando belohnt. Die gedruckte Glaubenszeit suggeriert den Kampf Aller gegen Alle als einzige menschliche Möglichkeit. Hier gärt die Reformation durch den Zweifel. Er wird sich herumsprechen.

4) Leben

„Ja, ja, der Helm gefällt mir, er zeugt
Vom allerhöchsten Witze!
Ein königlicher Einfall war’s!
Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!
Nur fürcht ich, wenn ein Gewitter entsteht,
Zieht leicht so eine Spitze
Herab auf euer romantisches Haupt
Des Himmels modernste Blitze!“

Heinrich Heine, a.a.O.

Der Eisenhut auf dem Kopf ist und bleibt eine witzige Erscheinung.
Wer ihn schnellstens absetzt und in die Mülltrennung gibt, entgeht nicht nur der elektrischen Gefahr und tut eine ökologische Tat, sondern kann sich ebenso erheblich freier bewegen.
Helme zu Kochtöpfen!

Hamburg, den 14. November 2007


Zum Geleit XXXIX

Zur abgesagten AS-Sitzung am 20. Dezember 2007

Wer auf Verdrängung baut, staut

1) Erstaunlicher Lebensmut
„Mit Paddel
Frau vertrieb Weißen Hai
Sidney - Ein Weißer Hai hat nahe Bayron Bay (Australien) eine Kajakfahrerin angegriffen. Doch die britische Touristin Linda Whitehorst (52) schlug so lange mit dem Paddel um sich, bis der Hai flüchtete. ›Er stieß das Boot um, schnappte nach meinem Bein‹, sagte sie. ›Ich schlug wie von Sinnen auf ihn ein.‹ Am Ende trug sie nur Bißwunden am Arm davon.“

Hamburger Abendblatt, „Aus aller Welt“, 16.10.2007.

Aus Fahrlässigkeiten folgen oft große Gefahren, aber nichts ist unkorrigierbar. Britisch bedeutet nicht immer nur „vornehme“ Zurückhaltung.

2) Politik: Warum nicht?
Gaus: Gehen Sie davon aus, daß die Deutschen ein weniger begabtes Volk sind als andere, oder haben es Westdeutschlands Politiker nach 1945 versäumt, das politische Bewußtsein der Wählermehrheit anzuheben?
Heinemann: Wir tun uns in der Politik sicherlich schwerer als meinetwegen die Engländer, weil wir durch Jahrhunderte obrigkeitlich erzogen worden sind. Das heißt also: zu einem Hinnehmen, zu einem unkritischen Hinnehmen sogar, und zwar dessen, was eine Obrigkeit vorgibt. Sich selbst mitverantwortlich zu fühlen, selbst politisch mit einzusteigen - über Rathaus, Schule, Landes-, Bundespolitik -, selbst aktiv mitzudenken, das ist das, was uns immer noch nicht so recht gelingt.
Gaus: Sie erklären es aus der Geschichte?
Heinemann: Ja.“
Günter Gaus im Gespräch mit Gustav Heinemann am 3. Nov. 1968. Gustav Heinemann war von März 1969 bis Juli 1974 Bundespräsident der BRD.

Viele Schlußfolgerungen aus der positiven historischen Zäsur von 1945 (Entmilitarisierung, Entnazifizierung, das Brechen ökonomischer Monopole, sozialer Staat, lebendige Demokratie) sind nicht nur nicht verwirklicht, sondern werden vielfach mit sagenhaftem Eifer als Unfug denunziert.
Die Frischluft von "’68" wird springerseits zur Eiseskälte einiger verrückter Spinner umgeschrieben.
Dem ist engagiert entgegenzutreten.

3) Unbestechlichkeit
„Ein König mag immerhin über mich herrschen; er sei mächtiger, aber besser dünke er sich nicht. Er kann mir keine so starken Gnadengelder geben, daß ich sie für wert halten sollte, Niederträchtigkeiten darum zu begehen.“
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), „An Mäcen“, Schriften aus dem Nachlaß.

Wenn die Oberen oder die, die sich dafür halten, sagen, es gebe nur noch Sachzwänge, sind wir sehr gefordert. Auch Zuckerbrot knirscht zwischen den Zähnen.

4) Die Heiterkeit der gemeinsamen Sache
„Kennst du das Gefühl, das gönnerhafte, wenn du mit jemandem böse bist und ihr beide seid Masken der Unversöhnlichkeit, und nun geschieht irgend etwas Komisches, das euch beide zum Lachen zwingt – ihr wollt nicht lachen, bei Gott, nein! Dann zieht sich das Gesicht aber doch in die Breite und nimmt jenen bekannten Ausdruck an, den man am treffendsten mit ›Saures Grinsen‹ bezeichnen könnte.“
Wolfgang Borchert, "Die Hundeblume", 1946.

Mit dem „Land, wo die Zitronen blüh’n“, war kein Ort der Bitterkeit gemeint.
Die gemeinsame Sache ist die Humanität. Über ihre Verwirklichung sollte kein Streit gefürchtet werden. (Selbst an bitteren Orten ist Heiterkeit nicht unmöglich.)
Die ungebrochene Freude sei der sichere Maßstab des Gelingens.

Hamburg, den 11. Dezember 2007

V.i.S.d.P.: Olaf Walther & Golnar Sepehrnia, c/o Studierendenparlament, VMP 5, 20146 Hamburg.
Herausgegeben von: Liste LINKS - Offene AusländerInnenliste . Linke Liste . andere Aktive
und harte zeiten - junge sozialisten & fachschaftsaktive an der Universität Hamburg
Veröffentlicht am , http://www.bae-hamburg.de/